Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18370510>

Sr. Wohlgeboren
dem
Herrn Dr. und Ritter Louis Spohr
kurfürstlicher Hof-Kapellmeister
in Cassel
Vor dem Kölnischen Thore


Breslau d. 10. Mai 1837

Lieber Herr Kapellmeister!

Damit unsere Korrespondenz nicht ganz einschläft, bin ich so frei, Sie wieder einmal mit einigen Zeilen zu behelligen. Zuvorderst meine Condolenz zu dem zu Wasser gewordenen Musikfeste. Die erste Nachricht davon erhielt ich von unserem Tenoristen Schmidt1, ich war empört, und wünschte eigentlich von Ihnen die ganze Ursache zu erfahren. Die Kasseler sind wahrhaftig nicht werth, daß für die Kunst noch das Mindeste gethan wird. Ich will indeß nicht voreilig urtheilen, bis ich von Ihnen vom Hergange der Sache genau unterrichtet bin. An unserem Theater herrscht dermalen. viel Leben. Herr Haizinger nebst Frau und Tochter gastirt2, und tritt alle Tage mit den Seinigen abwechselnd auf. Er hat eine seltene Höhe, aber dafür keine Tiefe [Nbs.: g] ist sein letzter Ton, F hört man schon nicht mehr. Deshalb ist er bis jetzt auch in keiner einzigen deutschen Oper ausgetreten. Seine Glanzparthie war Rodrigo in Othello, welche Rolle er auf eine noch nie gehörte Weise auffaßte.3 Schmidt gefällt hier recht gut4, Hauser aber nur theilweise. Man erkennt seine gute Schule und musikalische Bildung an, allein seine Stimme ist nicht mehr bedeutend und sein Spiel zu phlegmatisch, bei seinem Erscheinen steht das Beifalls-Thermomether sogleich auf dem Gefrierpunkt (einige Parthien ausgenommen). Ich habe ihn näher kennen lernen, und einen höchst gebildeten Mann in ihm gefunden, der sich aber leider sehr zur Hypochondrie hinneigt.5
Es ist ihm auf dieser Welt nichts mehr gut genug, keine Leistung befriedigt ihn mehr, er hat sich dadurch schon an unserem Theater recht unangenehme Momente bereitet. Übrigens kann er sich zu einem Gehalte von 2000 Thalern Glück wünschen, er wird ihn nirgends mehr bekommen.
Zum Schluß habe ich noch eine Bitte.
Herr Kaufmann Gerhard hierselbst, ein großer Musikfreund und passionirter Geigenliebhaber hat mich ersucht, Sie um Ihr Urtheil über eine Geige (angeblich Stradivari) eines Herrn Kleinschmidt aus Hamburg zu fragen. Sie sollen diese Violine für einen Ihrer Schüler haben kaufen wollen; vielleicht sind Sie so gütig, mir im nächsten Schreiben Ihre Ansicht zu melden. Herrn Gerhard scheint viel daran zu liegen.
Dem Vernehmen nach soll Herr Kapellmeister Reissiger in diesen Tagen bei uns eintreffen.6
Erfreuen Sie mich bald mit einem Schreiben, und empfehlen Sie mich den lieben Ihrigen, Frau v. Malsburg etc. etc.

Ich bin wie immer
Ihr treuer Verehrer
Adolph Hesse.

N.S. am 12. Mai. Unsere hiesigen Violinspieler beißen sich gegenwärtig die Zähne an Ihrem neuen Concertino aus. Schön hat mich ersucht, ihm, da ich im Conc. jede Note kenne, über Ihren Vortrag manches mitzutheilen.
Am 10. Mai führte Mosevius mit seiner wirklich ausgezeichneten Sing-Akademie einen Choral v. Seb. Bach (Sei Lob und Ehr) sowie das Utrechter Te deum von Händel sehr gediegen aus. Er bereitet eine solenne Aufführung des Paulus zum Herbst vor. Neulich war einigemal Jessonda bei überfülltem Hause. Hauser gab uns einen guten Tristan und Schmidt den Nadori auch nicht übel. Diese Oper macht, wenn sie auch einige Zeit liegt, immer wieder neues Furore. Was werden Sie diesen Sommer (wenn nämlich noch einer kommen sollte) beginnen? Kommen Sie doch zu uns, an Amusement soll es nicht fehlen. (NB. Die Violine nicht zu vergessen). Ich reise dann mit Ihnen nach Wien. In der Oster-Woche hatten wir nicht mehr als 5 Aufführungen. 1) Ende des Gerechten von Schicht bei St. Magdalene, 2) Sterbender Jesus von Rosetti bei Bernhardin. 3) Schöpfung in der Aula mit allen Bresl. Kräften (ich selbst geigte mit). 4) Tod Jesu (der altbackene und langweilige) bei Elisabeth. 5) Lamentationen mit Responsorien von Schnabel im Dom (schöne, fromme Kompositionen). Nochmals der Ihrige

A. Hesse.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 07.01.1837. Spohr beantwortete diesen Brief am 18.05.1837.

[1] Schmidt war vor seinem Breslauer Engagement zwei Jahre in Kassel als 2. Tenor engagiert (vgl. Reinhard Lebe, Ein deutsches Hoftheater in Romantik und Biedermeier. Die Kasseler Bühne zur Zeit Feiges und Spohrs (= Kasseler Quellen und Studien 2), Kassel 1964, S. 285).

[2] Amalie Haitzinger und deren Tochter aus erster Ehe Louise Neumann.

[3] Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Robert Bürkner, „Aus Breslau”, in: Zeitung für die elegante Welt 37 (1837), S. 340 und 344, hier S. 344.

[4] Vgl. Robert Bürkner, „Aus Breslau”, in: Zeitung für die elegante Welt 38 (1838), S. 72 und 76, hier S. 76.

[5] Ein halbes Jahr später schreibt Robert Bürkner über Hausers Abgang in Breslau: „Herr Hauser, dessen umfassende Musikkenntniß mit seinen physischen Mitteln nicht mehr Schritt hielt, ist mit dem neuen Jahr abgegangen” („Aus Breslau”, in: Zeitung für die elegante Welt 38 (1838), S. 72 und 76, hier S. 76).

[6] Zu Reissigers Aufenthalt in Breslau vgl. Robert Bürkner, „Aus Breslau”, in: Zeitung für die elegante Welt 37 (1837), S. 340 und 344, hier S. 340; „Notizen”, in: Allgemeiner musikalischer Anzeiger 9 (1837), S. 146ff., hier S. 147.

Kommentar und Verschlagwortung, wenn in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.12.2014).