Autograf: Bodleian Library Oxford (GB-Ob), Sign. MS Margaret Deneke Mendelssohn c. 42, f. 21-22
Abschrift: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. MA Nachl. 7,64/1,7
Druck 1: John Michael Cooper und R. Larry Todd, „'With True Esteem and Friendship'. The Correspondence of Felix Mendelssohn Bartholdy and Louis Spohr“, in: Journal of Musicological Research 29 (2010), S. 171-259, hier S. 228ff.; englische Übersetzung S. 187ff.
Druck 2: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sämtliche Briefe, Bd. 5, hrsg. v. Uta Wald unter Mitarbeit v. Thomas Kauba, Kassel u.a. 2012, S. 209f.

Herrn Kapellmeister Dr. Louis Spohr
in
Cassel

frey1


Leipzig d. 21 Februar 1837

Hochgeehrter Herr Kapellmeister

Vor allem nehmen Sie meinen Dank für die Ouvertüre2, die wir in vergangener Woche zu meiner und aller Musikfreunde wahren Freude aufgeführt haben3; gern hätten wir sie noch im Laufe des Winters wiederholt, mußten es jedoch leider für die4 Concerte im Herbst versparen, da wir zu den drei letzten die jetzt noch übrig sind schon früher mehreres neue zur Aufführung zu bringen
versprochen hatten. Mir thut das besonders5 leid, weil ein solches Werk eigentlich immer das erstemal wie in einer General-Probe geht, und weder vom Orchester noch von den Hörern so recht fest und sicher aufgefaßt wird, und so wie Sie mir schreiben, daß die letzte Probe bei Ihnen tadellos ging, aber die Aufführung vieles zu wünschen übrig ließ, so war es gerade hier auch; ich
hatte Ihre Winke benutzt, und namentlich auf ein sichres Einsetzen des ersten schnellen Tempo’s gesehen, und das ging auch sehr gut, aber im Ganzen war bei der Aufführung eine Art Unsicherheit, die beim letztenmal in der Probe ganz verschwunden war, und wegen deren ich eben eine baldige Wiederholung sehr gewünscht hätte. Eigentliche Fehler fielen aber nicht vor, die Taktverrückungen namentlich schlugen sehr fest ein und thaten eine prächtige Wirkung, aber z.B. mit6 der Stelle, wo die Saiteninstrum die Melodie 3⁄4 in g dur haben, und die Blaseinstrum. die einzelnen Stellen der Themas 9⁄87 dazwischen werfen, auch mit der Durchführung 9⁄8 nach dem8 die g dur Melodie in der Hoboe da gewesen ist, war ich gar nicht zufrieden, es machte sich bei der Aufführung lange nicht deutlich und gesondert genug. In dem 4händigen Arrangement habe ich nur eine Stelle gefunden, von der mir scheint daß sie in jedem Falle geändert werden müßte. Dies ist pag. 13 2tes System, Tact 4 und 5, wo das schnelle Überschlagen der linken Hand nicht allein sehr schwer im richtigen Tempo zu machen ist, sondern auch, wie ich glaube, einen andern Effect hervorbringt, als den beabsichtigten. Ich habe mir erlaubt, eine Aenderung mit Bleistift vorzuschlagen, und weil die darauf folgenden Tacte gerade meine Lieblingstelle sind, und im Orchester so schön klingen, habe ich in dem Arrangement der ganzen Seite eine Abänderung vorgeschlagen. Ich hoffe Sie entschuldigen es, daß ich Ihr Manuscript dadurch undeutlich gemacht habe, doch habe ich so schwach geschrieben, daß Sie den Bleistift leicht wieder ganz weglöschen können, wenn Sie wollen. – Bis auf diese Stelle ist das Arrangement durchgängig spielbar und claviermäßig, doch würde ich noch einige Kleinigkeiten daran wohl anders wünschen: z.B. pag. 14 Syst.9 1 Tact 1 und Tact 5 vermisse ich die Trompeten ungern, da sie pag. 12 Syst. 6 Tact 3 angegeben sind, und leicht in der rechten Hand zugefügt werden könnten; dann meine ich könnte
pag. 8 der Effect der liegenden Cellos und Contrabässe pizz. besser wiedergegeben werden, namentlich weil nachher wenn die Stelle wieder kommt die Contrabässe liegen bleiben, und dann das tiefe g auf dem Clavier besser thut.
Ebenso wünschte ich pag. 8 letztes System das Arrangement so geändert, daß die linke Hand Secondo10 durchgängig Octaven bekäme u. ganze11 Tactnoten, u. die Harmonie und Viertel12 Bewegung in die rechte Hand Secondo, der 9⁄8 Tact wäre wohl besser in der linken Hand primo. Die Partitur und Stimmen sowie das 4 händ. Arrangement sind in den Händen des Herrn W. Härtel, der es Ihnen gewiß sicher und bald wieder zukommen läßt.
Nun habe ich Ihnen meinen besten Dank für Ihre freundliche Einladung zu Ihrem Musikfeste zu sagen. Wie gern nähme ich sie an Aber leider ist es mir unmöglich, indem meine Hochzeit gerade kurz vor der Zeit Ih[re]s Festes sein wird, und ich für die ganzen Monate nachhe[r] wegen mannichfacher Familienangelegenheiten noch keine bestimmten Plan[e] machen kann. Die Direction hätte ich zwar wohl in keinem Falle angenommen denn gerade das wäre mir so lieb gewesen mein Oratorium von Ihnen einstudirt u. aufgeführt zu hören, u. gerade das ist mir das ehrenvollste dabei, aber eben gehört hätte ich es so gern, weil ich es so dann doch niemals wieder hören kann. Die Düsseldorfer haben sich neuerdings, wie ich höre, die berichtigten Orchesterstimmen des Paulus angeschafft, und da sie sie um jene Zeit nicht brauchen, so ist gar kein Zweifel, daß sie sie Ihnen mit Vergnügen schicken werden, wenn Sie deshalb bei ihnen anfragen wollen; ist das nicht der Fall, oder reichen die dortigen Stimmen nicht zu, so stehen Ihnen in jedem Fall die hiesigen zu Dienste, die der Concert-Direction gehören, und wenn Sie diese wünschen, so bitte ich Sie nur um einige Zeilen, u. werde das Weitere dann mit den Herren Directoren schon verabreden.
Leben Sie nun wohl, lieber Herr Kapellmeister, haben Sie nochmals vielen Dank für alle Freundlichkeit, die Sie mir erzeigen, und für die Freude, die mir Ihr Brief und Ihre Sendung gemacht hat, und erinnern Sie sich zuweilen

Ihres aufrichtig ergebenen
Felix Mendelssohn Bartholdy

Autor(en): Mendelssohn Bartholdy, Felix
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Mendelssohn Bartholdy, Felix : Paulus
Spohr, Louis : Fantasie über „Die Tochter der Luft”
Erwähnte Orte: Kassel
Leipzig
Erwähnte Institutionen: Gewandhaus <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1837022141

http://bit.ly/3fY1xlM

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Mendelssohn an Spohr, 13.12.1836. Spohr beantwortete diesen Brief am 12.03.1837.

[1] Über dem Adressfeld befinden sich die Poststempel „LEIPZIG / 22 Feb.37“ und „24 FEB 1837“.

[2] Fantasie über „Die Tochter der Luft“.

[3] Zum Konzert am 09.02.1837 vgl. „Leipzig, am 31. März“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 39 (1837), Sp. 225ff. und 242-246, hier Sp. 243; „Fragmente aus Leipzig“, in: Neue Zeitschrift für Musik 6 (1837), S. 144ff., hier S. 145.

[4] Hier gestrichen: „nächsten“.

[5] „besonders“ über der Zeile eingefügt.

[6] „mit“ über der Zeile eingefügt.

[7] Hier zwei Wörter gestrichen.

[8] Hier gestrichen: „das“.

[9] „Syst.“ über der Zeile eingefügt.

[10] „Secondo“ über der Zeile eingefügt.

[11] Hier zwei(?) Buchstaben gesprochen.

[12] „Viertel“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.06.2020).