Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Detmold den 8/237

Hochverehrter Herr Capellmeister!

Vor einiger Zeit wurde von unserm Hofe der Wunsch geäußert, Ihr herrliches Werk „des Heilands leztzte Stunden“ in Detmold zur Aufführung zu bringen. Sogleich kaufte ich eine bedeutende Anzahl Chorstimmen, und begann die Proben. Der hiesige Singverein besteht ohngefähr aus 50 bis 54 Personen, an die sich noch zu dieser Aufführung viele Damen und Herren der Umgegend angeschlossen haben; auch wird das Theater-Chor zur Verstärkung mit beitragen, und die ersten Sänger die Solo-Parthien übernehmen, so daß ich dadurch in den Stand gesetzt bin, das Oratorium würdig aufführen zu können. Ich erlaube mir die Bitte, mir die Partitur und Orchesterstimmen gütigts leihen zu wollen, mit meinem herzlichsten Dank werde ich dieselben unversehrt wieder zustellen. Ich gedenke das Oratorium Ende Mai zur Aufführung zu bringen.
Es ist hier bei unserm Theater ein junges Mädchen Emma Scott aus Ludwigslust eine Verwandte von mir, welche neben einer ausgezeichneten Sopran Stimme (ich darf Sie dabei an die Traut1 erinnern) eine sehr schöne Figur besitzt, und ausgezeichnet Clavier spielt. Man hat ihr hier einen einjährigen Contract angeboten, weil man mit Recht vermuthet, daß sie sonst nicht lange bleiben würde. Ich rieth ihr jedoch davon ab. Wenn Ew. Wohlgeboren darauf reflectiren würden, sie bei Ihrem Theater zu engagiren, so bin ich innig überzeugt, daß sie unter Ihrer Leitung in kurzer Zeit eine ausgezeichnete Sängerin werden wird. Sie kann, da sie auf mein Anrathen einen mehrjährigen Contract bei der Detmolder Bühne ausgeschlagen hat, sogleich in Cassel eintreffen, da sie sechswöchentliche Kündigung hat, und ich bin gewiß, daß Ihre Erwartungen übertroffen werden. Als Rezia2, Agathe3 ist sie in Münster gerufen, dieselbe Auszeichnung wäre ihr auch hier zu Theil geworden, wenn hier dergleichen erlaubt wäre.
Nochmals wiederhole ich meine Bitte hinsichtlich des Oratoriums. Würden Sie bei der Aufführung zugegen sein, so würden Sie sich überzeugen, mit welcher Liebe und Fleiß man Ihr schönes Werk executiren wird.
Ihrer verehrten Frau Gemahlin und Tochter bitte ich mich zu empfehlen.

Hochachtungsvoll und ergebenst
Ew. Wohlgeb,
dankbarer Schüler
Aug Kiel.

Erwähnte Personen: Pirscher, Agnes
Scott, Emma
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Weber, Carl Maria von : Der Freischütz
Weber, Carl Maria von : Oberon
Erwähnte Orte: Detmold
Kassel
Münster
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Detmold>
Hoftheater <Kassel>
Singverein <Detmold>
Theater <Münster>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1837020838

http://bit.ly/28MYyeF

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Kiel, 01.09.1836. Spohr beantwortete diesen Brief am 13.02.1837.

[1] Agnes Traut, später verheiratete Pirscher war während Kiels Kassel-Aufenthalt 1831 dort engagiert.

[2] Rolle in Oberon von Carl Maria von Weber.

[3] Rolle in Der Freischütz von Carl Maria von Weber.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.06.2016).