Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18370107>

Sr. Wohlgeb
dem Herrn Oberorganist
Adolph Hesse
in
Breslau.

franco.



Cassel den 7ten
Januar 1837.

Geliebter Freund

Es ist endlich Zeit, daß ich Ihre beyden lieben Briefe beantworte! Längst wäre es auch schon geschehen, wenn ich nicht wieder sehr mit Theaterarbeiten überhäuft gewesen wäre, so daß ich kaum einiges neues habe schreiben können. Dies besteht, einige Lieder abgerechnet, in 2 Kompositionen für den Cäcilienverein, eine Hymne von 5 Sätzen und einen Psalm (Chor, Soli und Ins.), und eine neue große Concertouverture, die ich „Phantasie über Raupachs mythische Tragödie „die Tochter der Lüfte“ genannt habe. Nachdem ich sie im 2ten Abonnement-Concert gegeben1 und für 4 Hände arrangirt habe2, im welcher Gestalt sie sich recht gut ausnimmt, habe ich sie nun an Mendelssohn geschickt, der sie im Leipziger Concert geben wird.3 Sie besteht aus einem langsam ausgeführten Tempo im 9/8 Takt, mit großen, breiten und auch wieder sehr flüßigen Rhythmen und hat überhaupt eine sehr eigenthümliche Form die durch das Bestreben, die Gestalt der Tragödie zu malen, entstanden ist.4 Sie ist für das Orchester sehr schwer und wird recht gut gehen, wenn sie noch öfters gegeben worden ist. Bey der Generalprobe, wo ich sie 2mal hintereinander machte, genügte mit der Efekt; bey der Aufführung wo das Orchester noch mehr im Zug war, ging sie aber wieder zu lahm!
Für Ihre Bemühungen, hinsichtlich meiner Manuscripte, meinen herzlichen Dank. Ich habe das Concertino und das erste Duett für Piano und Violine doch nun an Breitkopf und Härtel gegeben, da sie nachträglich noch meine Forderung genehmigten, Wahrscheinlich weil ich für mein kl. Beytrag zu ihrem Album kein Honorar haben wollte.5 (Beyde Sachen werden bald erscheinen)
Für Ihren Bericht über die Aufführung meines Oratoriums6 ebenfalls den besten Dank! Der Erdbeben-Chor ist allerdings sehr dramatisch; ich wüßte aber nicht, wie er bey dem, überhaupt dramatisch gehaltenem Gedicht, auf andere Musik hätte komponirt werden können! Darin bin ich aber einverstanden, daß der Chor „gefallen ist Babylon“7 besser ist.
Wir studiren in dem Gesangvereine schon fleißig an Mendelssohns Paulus für das Musikfest.8 Das Werk hat große Schönheiten! – Früher waren die sieben Schläfer von Löwe in Vorschlag9 und ich habe es eine Zeitlang von dem Cäcilienverein singen lassen. Einige Chöre haben mir sehr gefallen, besonders der Schlußchor aber die Arien und Duetten sind gar zu trivial und ärmlich in der Erfindung. Es wurde daher beyseite gelegt.
Wir hoffen sehr Sie zum Musikfeste hier zu sehen. Die Familie Kleinwächter wird aber wohl nicht kommen, weil sie in der Ferienzeit über Prag nach Wien zu gehen gedenken. Gestern hat mich der junge Kleinwächter10 mit der Nachricht überrascht, daß er sich im Frühjahr verheirathen wird. Er schreibt als glücklicher Bräutigam, hat aber vergessen, mir den Namen seiner Braut zu nennen! – Leben Sie wohl. Herzliche Grüße von den Meinigen. Mit echter Freundschaft stets
ganz der Ihrige Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr,  23.10.1836 und 11.12.1836. Hesse beantwortete diesen Brief am 10.05.1837.

[1] L.D., „Cassel, im Januar”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 39 (1837), Sp. 113f. und 131f., hier Sp. 113).

[2] Diese Bearbeitung ist derzeit nicht nachweisbar.

[3] Offensichtlich war die Leipziger Aufführung nur mäßig erfolgreich: „Einzelne applaudierten (ich auch), drangen aber nicht durch” („Leipzig. Beschluss”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 39 (1837), Sp. 242-246, hier Sp. 243). Auch Robert Schumann kritisierte in dieser Komposition „stellte sich seine bekannte Eigenthümlichkeit mehr als je heraus, [...] der ganze edle, leidende Spohr [...]” (Robert Schumann, „Fragmente aus Leipzig. 2”, in: Neue Zeitschrift für Musik 6 (1837), S. 144ff., hier S. 145). Zur weiteren Rezeption in Leipzig vgl. Bert Hagels, „Vorwort”, in: Louis Spohr, Sinfonie Nr. 5 c-moll op. 102, hrsg. v. Bert Hagels, Berlin [2014], S. III-XIV, hier S. VIf.

[4] Ernst Raupach, Die Tochter der Luft. Eine mythische Tragödie in 5 Akten, Hamburg 1829.

[5] Das Lied „Sangeslust” WoO 95 erschien im Album Musical. Sammlung der neuesten Original Compositionen, Leipzig 1836, Spohrs Lied dort S. 71 (vgl. Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 157 und 457).

[6] Des Heilands letzte Stunden (vgl. Hesse an Spohr, 11.12.1836).

[7] Aus Spohrs Die letzten Dinge.

[8] Louis Spohr plante für Pfingsten 1837 ein Musikfest in Kassel, das die Regierung zu diesem Zeitpunkt jedoch aus religiösen Gründen nicht genehmigte (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 175, Text mit fehlerhafter Pagnierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 216).

[9] Loewe hatte Spohr dieses Oratorium Spohr bereits 1835 angeboten (Carl Loewe an Louis Spohr, 06.09.1835, abgedruckt in: Martin Runke, „Loewe und Spohr”, in: Carl Loewe. Bericht über die wissenschaftliche Konferenz anläßlich seines 200. Geburtstages vom 26. bis 28. September 1996 im Händel-Haus Halle, hrsg. v. Konstanze Musketa (= Schriften des Händel-Hauses in Halle 13), Halle 1997, S. 387-410, hier S. 389f.).

[10] Louis Kleinwächter.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders vermerkt: Karl Traugott Goldbach (09.12.2014).