Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18361211>

Sr. Wohlgeboren
dem
Herrn Hof-Kapellmeister Dr. Louis Spohr
in
Cassel.

franco.


Breslau den 11ten Dezemb.
1836.

Hochgeehrtester Herr Kapellmeister!

Schon längst hätte ich Ihnen von der Aufführung Ihres Oratoriums berichtet, wären uns nicht gleichzeitig noch andere mus. Neuheiten angekündigt worden, sodaß ich es vorzog, Ihnen von Allen etwas zu schreiben. Ihre Werk wurde am 12 November Abends 6 Uhr in unserer Bernhards-Kirche unter Siegerts und meiner Leitung gegeben. Der majestätische Bau war durch tausende von Ampeln erhellt, und von Zuhörern angefüllt. Viele Gesangproben, 2 Quartett- und 2 Orchester-Proben waren vorangegangen, und so war es kein Wunder, wenn die Aufführung so gelang, daß gewiß jeder ein klares Bild mit nach Hause nahm. Da ich das Werk genau kannte, war ich auf die Instrumental-Effekte sehr begierig, und muß gestehen, daß ich dieses Oratorium für am schönsten von allen Ihren Werken instrumentirt halte. Der allgemeine Eindruck war ein mächtiger. Was mich hauptsächlich entzückte war: der 1te Chor, sodann: und wenn sie alle scheiden. „Ewig fließet meine Zähren“ (diese Arie macht sich göttlich), der du mit Allgewalt; Schmach, Schmach. Anfang des 2ten Theils: Arzt, der Allen half. Das Solo der Maria mit Harfe, Violine, Cello und Horn. Terzett. Schlußchor. Gegen den Gewitterchor erhoben sich mehrere Stimmen und fanden ihn zu dramatisch,. besonders die Stelle der Horne im 7ten und 10ten Takt.
[Nbs]
Ich wendete dagegen ein, daß es keine Wirkung gemacht haben: würde, in einem ohne dies so reich instrumentirten Werke, den Aufruhr aller Elemente auf einfachere Weise zu schildern. Indess stellen viele den Chor: „Gefallen ist Babylon”1 höher und meinen, derselbe mache eine noch imposantere Wirkung, und sei dabei kirchlicher. Sie entschuldigen meine Aufrichtigkeit, freuen wird es mich, wenn Sie mir die Bemerkung nicht übel deuten, und mir Ihre Ansicht darüber mittheilen, die gewiß die richtige ist. Mich hat dieser Chor sehr ergriffen. Als Gegenstücke zu Ihrem Werke führte Mosevius mit seiner Akademie 14 Tage später, mit derselben großen Besetzung: Die sieben Schläfer von Löwe auf in der Aula); ein nicht uninteressantes Werk im modernsten Style, das sich nirgends aus dem Saale in die Kirche verirren möge. Die Ausführung war sehr gelungen.
Außer unseren gewöhnlichen Concerten, wo im 2ten meine nach Wien eingesendete Sinfonie nicht ohne Beifall gegeben wurde, regalirte uns Lipinski 2 mal. Im 1ten Conc. spielte er 1) Sein Militair-Konzert2, und 2 Sätze aus Variationen3, ich bewunderte ihn, er ließ mich aber kalt, viel dazu mag auch die Flachheit seiner Kompositionen beigetragen haben. Dahingegen spielte er im 2ten Conc. ein wenn auch etwas altbackenes Concert in h moll v. Viotti, ein Rondo in c nebst Var. von sich sehr schön4, entwickelte ungeheuere Fertigkeit und schönen Vortrag; indeß würde mir dieser genre auf die Länge nicht behagen, und wenn ich an Ihr 1tes Dopp. Quart. und Concertino, oder an Müllers Vortrag des schönen 2ten Moliqueschen Concerts oder Ihrer Gesangs-Szene denke, gehe ich von Neuem ganz entzwei.
Das wären dann unsere neuen Begebenheiten.
Eine neue Ouverture in C hab ich beendet.
Was schreiben Sie schönes? und haben Sie für Ihre neuen Sachen schon einen Verleger? Ich wäre glücklich gewesen, wenn Ihr Concert hier erschienen wäre.5 Ich sehne mich nach einem Brief von Ihnen. Empfehlen Sie mich den lieben Ihrigen
ich aber bin

Ihr ergebenster Verehrer
Adolph Hesse.

NB. Was Lipinski ganz abgeht ist ein schöner Triller und das Staccato.



Dieser Brief folgt auf Hesse an Spohr, 23.10.1836. Spohr beantwortete diesen und den Vorbrief am 07.01.1836.

[1] Aus Spohrs Die letzten Dinge.

[2] Op. 21.

[3] Das Programm zum Konzert am 26.11.1836 ist abgedruckt in: Maria Zduniak, „Karol Lipiński’s Concerts in Wrocław”, in: A Romantic Century in Polish Music, hrsg. v. Maja Trochimczyk, Los Angeles 2009, S. 49-76, hier S. 64 (dort auch Hinweise auf von Hesse abweichende Meinungen über Lipińskis Konzerte in Breslau). Neben seinem Militärkonzert spielte er seine Variationen über die Cavatine: „Ecco ridente il Cielo” aus Il barbiere di Siviglia von Rossini op. 20 und eine Fantasie über Motive aus La sonnambula von Vincenzo Bellini.

[4] Zduniak vermutet, dass Lipiński bei seinem Konzert am 03.12.1836 sein Rondo op. 18 spielte, außerdem neben dem von Hesse erwähnten Viotti-Konzert noch Variationen über ein Thema aus Cendrillion von Rossini op. 11 (ebd., S. 65).

[5] Spohr hatte Hesse in seinem Brief vom 17.09.1836 gebeten, bei einem Breslauer Verleger zu fragen, ob er drei Kompositionen verlegen wolle, für die er sich mit Breitkopf & Härtel nicht über das Honorar einigen konnte. Hesse antwortete am 23.10.1836 abschlägig. Wie aus Hesses Brief vom 03.08.1836 und weiteren Briefen hervorgeht, war er von Spohrs Concertino für Violine op. 92 begeistert.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.12.2014).