Autograf: Spohr Museum Kassel, Sign. Sp. ep. 1.1 <18360820>

Cassel, den 20st August
(zufällig auch am Geburtstag
unseres – geliebten Prinz-
Regenten

Geliebter Freund,

Ihr lieber Brief hat mich sehr erheitert, indem er mich nochmals lebhaft an die schönen, mit Ihnen verlebten Tage erinnerte! Unsere Rückreise über Braunschweig war frei allem Unfall. Am 2ten Tage derselben verweilten wir einige Stunden in Halle bey meinem Onkel und Jugendfreund Professor Henke und ließen uns von dessen Frau, einer geborenen Markmann aus Braunschweig (früher Künstlerin,) Lieder von André und anderen vorsingen; am 3ten Tage übernachteten wir bey Nathusius in Althaldensleben und besuchten den Park, die Fabricken u.s.w.1 Am 4ten kamen wir endlich bey meinem Bruder2 in Braunschweig an und ich hörte mit Vergnügen, daß ich ruhiger Zuhörer würde seyn können, indem Marschner angekommen sey. Das Comitée hatte viele Aufmerksamkeiten für mich, indem wir in der Kirche und im Zelt immer unsere Plätze und zwar die besten aufbewahrt fanden und so alles recht ruhig und genau genießen konnten. Die Anstalten waren großartig, der Andrang der Fremden aber so groß, daß die Stimmung im Zelt weit hinter der in Halberstadt zurück blieb, was die Herren Augustin, Vater und Sohn, mit einigem Triumph bemerkten.3 Die Aufführung des Messias von beinah 600 Mitwirkenden war aber so imposant, daß ich behaupte, es hat noch keine bessere, weder in Deutschland noch England agitirt.
Die Aufführungen am 2t und 3ten Tage unter Methfessel und Marschners Direction blieben aber weit hinter dem ersten zurück, theils wegen schlechter und ungesunder Wahl der Musik, theils weil Sinfonien sich nicht mehr noch weniger Solospiel in den großen Räumen gut ausnehmen. – Die Einnahmen haben, wie ich von Bischoff hörte, einen Überfluß von mehr als 1000 rth gegeben.4
Nachdem wir kaum 8 Tage wieder zu Hause gewesen waren, kam uns die Lust an, noch eine kl. Reise zu machen und zwar nach Paderborn, wo ein 8tägiges Kirchenfest mit unerhörter Pracht gefeiert wurde. Was uns dorthin zog war die Aufführungen meines neuen Oratoriums am 2t Tage zum Besten der Armen.5 Gercke, der sie dirigirte, hatte von hier, Detmold und aus der Umgebung von Paderborn ein 200 Personen starkes Personal zusammengebracht und alles auf das fleißigste eingeübt. Die Chöre machten in der, für Musik vortheilhaften Jesuitenkirche einem imposanten Effekt, nur die Solosänger ließen mit Ausnahme der Madame Schmidt aus Halle, viel zu wünschen übrig. Der Ertrag für die Armen war nach Abzug der sehr bedeutenden Kosten doch noch 800 Rth. – Die Pracht der katholischen Kultur (es waren 3 fremde Bischöfe und ein Abgeordneter des Pabstes anwesend) war für meine Begleiterinnen nun ein ganz neues und überraschendes Schauspiel! – So beschloß ich die Ferienzeit auf eine höchst angenehme Weise. Endlich ging es wieder an die Arbeit, zu Haus und im Theater. Im Haus wurden die noch fehlenden 3 Sätze der Sonate vollendet, im Theater die „Puritaner“ von Bellini einstudirt, die heute zur Aufführung kömmt. Die Sonate, die vor einigen Tagen bey einer Musikparthie in meinem Hause zum ersten Mal probirt wurde, wird den modernen Titel „Nachklänge einer Reise nach Dresden und in die sächsische Schweitz“ erhalten und den lieben Reisegefährten dedicirt werden. Die 3 letzten Sätze sind nämlich mit Reiseerinnerungen durchwebt, das Scherzo mit sächsischen Posthörnern, das Adagio mit katholischer Kirchenmusik u.s.w.6 – Was ich nun arbeiten werde, ist noch unbekannt, wahrscheinlich ein Quintett mit 2 Violoncellen.7
Von den Prager Reisegefährten habe ich noch keine Nachricht; doch schrieb ich vor einigen Tagen in Sängergelegenheiten an Herrn Louis Kleinwächter8 und sehe daher binnen kurzem einer Antwort entgegen.
Meine Frau und Therese lassen herzlich grüßen. Mit wahrer Freundschaft stets ganz

der Ihrige
Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 03.08.1836. Hesse beantwortete diesen Brief am 11.09.1836.

[1] Vgl. Ramona Myrrhe, „Zwischen Fabrik und Rittergut. Die Familie von Nathusius”, in: Adel in Sachsen-Anhalt, hrsg. von Eva Labouvie, Köln u.a. 2007, S. 315-341.

[2] Vermutlich Wilhelm, vielleicht aber auch August (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 172, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 212).

[3] Die beiden Augustin hatten 1833 in Halberstadt ein Musikfest veranstaltet (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 160f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 196f.; „Halberstadt, Musikfest am 19., 20. und 21. Juni”, in: Iris im Gebiete der Tonkunst 4 (1833), S. 107f., hier S. 108).

[4] Zum Musikfest allgemein vgl. Programm zum neunten Elb-Musikfeste in Braunschweig, nebst einer Beschreibung der Stadt, zur Führung und Erinnerung für auswärtige Theilnehmer, Braunschweig 1836; ähnlich wie Spohr, in Bezug auf den Messias aber deutlich kritischer wertet: „Aus Braunschweig. Das Musikfest”, in: Neue Zeitschrift für Musik 5 (1836), S. 37f., 44f. und 49; zu Spohrs Aufenthalt beim Musikfest: „Notiz [Notabilitäten auf Reisen”, in: Zeitung für die eleganten Welt 36 (1836), S. 576.

[5] Vgl. „Paderborn”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 38 (1836), Sp. 551f.

[6] Der Hinweis, dass die drei letzten Sätze mit Reiseerinnerungen durchwebt seien, könnte ein Hinweis sein, dass der erste Satz schon vor der Reise fertig war und es sich hier um die im Brief vom 09.06.1836 erwähnte „½” Sonate handeln könnte, die Spohr auf die Reise mitnehmen wollte. Auch die Überschrift des ersten Satz’ „Reiselust” könnte diese These stützen. 

[7] Ein Werk in dieser Besetzung aus Spohrs Feder ist unbekannt.

[8] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach 26.03.2015).