Autograf: Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeehrtester Herr!

Erlauben Sie dass ich mir wieder einmal das Vergnügen gestatte Ihnen einen Brief zuzusenden, überzeugt dass Sie an meinem Schiksal antheil nehmen das durch Ihre ehemals so große Güte jetzt sogar angenehm ist; wir sind nun in London ganz wohnhaft, ich gebe Lekzionen in der deutschen, französischen und italienischen Sprache, und begleite Damen die Klavier oder Harfe spielen, mit der Violin, und in der Saison gebe ich gewöhnlich ein gutes Konzert, mein Mann kopirt und transponirt Musik womit er auch etwas verdint, und meine Tochter ist Gouvernante bey einer Familie auf dem Lande und bekomt jährlich 150 Guineas Das ist ihr Werk theuerster Herr Spohr, denn durch mein Talent war ich im Stande ihr die besten Meister zu verschaffen, sie lehrt dort Deutsch, französch, italienisch, Klavier, Harfe, Singen, Zeichnen und Malen nebst anderen Wissenschaften, Wir hatten in dieser Saison einen gewißen Ole Bull in London, der wirklich ein großer Geiger geworden wäre, wenn er nicht versucht hätte ein Paganini zu werden welchen er glaubt schon zu übertreffen, er hat große Fertigkeit, ein ausgezeichnetes Staccato auf und ab1 bis an den Frosch des Bogens, spielt mehrstens auf zwey, drey und auch auf vier Saiten welches letztere er als ein Quartett annoncirt welches er ganz allein spielt2, auch macht er oft die Octaven à la Paganini nämlich von der Höhe schnell in halben Tönen in die Tiefe herab, alles dies macht er recht gut, doch es ist nur gewagt, denn nicht immer gelingt es ihm und ein musikalisches Ohr wird oft von falschen Tönen beleidigt er ist noch ein junger Mann von 26 Jahren der es also noch weit bringen könnte; ich hörte ihn auch zwey Quartetten spielen, eins von Mozart und das andere von Beethoven doch das war herzlich schlecht da er alle seine paganinische Kunstgriffe darin anbrachte und es ganz entstellte.3 – jetzt ist London wieder leer, die Herrschaften sind alle entweder auf Reißen oder wieder auf ihre Landgüter zurück gegangen, und wenn der Künstler nicht zusetzen will was er in der Saison mit vieler Mühe gewonnen hat, so muß er auch London verlasen um wo anders etwas verdienen zu könen, und so hat denn der in so mancher Hinsicht berühmte Bochsa den Bull engagirt4, Mori, der zwar erste doch nicht Beste Geiger in London reist mit den Sängern Ivanoff und Lablache in den Provinz Städten von England herum, dann gehen sie auch nach Schottland und Irland, auch Malibran mit ihrem Mann5 wird dieselbe Reise machen. – Ich habe die Bekanntschaft des Herrn Blagrove Ihres Schülers6 gemacht, und Er ist es der als der beste Geiger hier anerkant ist und das mit vollem Recht, er ist ein guter junger Mensch und wir sind ganz Freunde zusamen so, daß wir schon öfters in Konzerten Concertante gespielt haben7, auch kan ich Ihnen die Nachricht geben die Sie als sein Lehrer freuen wird, namlich daß er sehr fleißig studirt. – Vor einigen Monaten sagte mir ein Herr Stumpf, ein Deutscher der aber schon sehr lang in England8 wohnt und Harfen-Fabrikant ist, und einer Ihrer größten Verehrer, daß Sie theuerster Herr Spohr nach England kommen werden da man Ihnen geschrieben habe, und gebeten ein Festival, ich weiß nicht mehr in welcher Stadt zu dirigiren, oh ich freute mich so innig Sie hier zu sehen, doch leider war meine Freude vergebens, haben wir den[n] keine Hoffnung Sie auf künftiges Jahr in diesem Lande zu sehen? –
Nun empfehle ich mich Ihnen vielmal und herzlich, und mit dem innigsten Wunsch, daß der gute Gott Ihnen stets Gesundheit und Zufriedenheit verleihen möge, habe ich die Ehre mit aller Hochachtung zu verbleiben,

Ihre ganz ergebene
und ewig dankbare
Elise Filipowicz.

London den 16ten August 1836.
10. Duke street
St. James’s



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Filipowicz an Spohr, 06.08.1834. Spohr beantwortete diesen Brief am 27.10.1836.

[1] Gemeint sind Auf- und Abstrich.

[2]  Bull spielte sein Quartetto per un [violino] solo 1836 in London (vgl. Camilla Cai und Einar Haugen, Ole Bull. Norway’s Romantic Musician and Cosmopolitan Patriot, Madison/Wisconsin 1993, S. 41).

[3] Spohr kritisiert 1839 ebenfalls, Bull könne keine klassischen Streichquartette spielen, erwähnt allerdings nicht, dass Bull hier „paganinische Kunstgriffe” angebracht habe (vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 26.01.1839 und Spohr an Adolph Hesse, 15.04.1839).

[4]  Mr. Ole Bull is we hear going a provincial tour with Mr. Bochsa („Miscellanesous”, in: Musical World 2 (1836), S. 61); The musical people are now dispersing themselves over the kingdom to take holiday, and gather up again. M. Ole Bull and M. Bochsa have departed in company(„Our weekly gossip on literature and art”, in: Athenaeum (1836), S. 523).

[5] Charles-Auguste de Bériot.

[6] Henry Blagrove nahm 1833 und 1834 bei Spohr in Kassel Unterricht.

[7] Konzerte am 22.05.1835 („Mrs. Anderson's”, in: Court Journal 7 (1835), S. 346); und 10.07.1835 („Madame Filipowicz's morning concert”, in: ebd., S. 457).

[8] Johann Andreas Stumpff war bereits 1790 nach London übergesiedelt. 1820 half er Spohr neben Ferdinand Ries sich in London zurechtzufinden (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 79, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 94).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Volker Timmermann (20.06.2016).