Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18360803>

Breslau den 3. August 36.
(als dem Geburtstage unseres geliebten Königs.)

Geliebter Herr Kapellmeister!

Schon längst wollte ich mir die Freiheit nehmen, an Sie zu schreiben und Ihre ferneren Reise-Ergebnisse und etwas Näheres über das Braunschweiger Musikfest zu vernehmen, welches in der Anlage so großartig schien, daß mir in Bezug auf die Deckung der Kosten etwas bangte, als ich ebenfalls zu einem Musikfest eingeladen wurde. Das 6te Schlesische Gesangfest (bestehend aus den Schullehrern, Cantoren und Organisten der kleineren Städte Schlesiens) wurde diesmal in Striegau, einem freundlichen Gebirgsstädtchen 6 Meilen von Breslau gefeiert.1 Die Tendenz dieser Feste besteht in einer alljährlichen Vereinigung sämtlicher Männergesangsvereine Schlesiens; es werden dann in einer Kirche ernste Kompositionen für Männerstimmen schlesischer Komponisten gegeben. Um aber diesen Festen mehr Abwechslung zu verschaffen, wird vorher ein Quartett- und ein Konzert-Abend veranstaltet, wo wir Breslauer tüchtig herhalten müssen und diesmal 20 an der Zahl gegenwärtig waren. Das Fest fand am 26., 27. und 28. Juli statt. Die Zuhörer hatten sich aus den benachbarten Städten und Badeorten sehr zahlreich eingefunden, am ersten Abend gaben wir ein Quartett von Haydn (c dur), von Beethoven (f dur) und ein Trio für Pianof., Violine und Cello von mir, wobei ich die Klavierparthie ausführte, und das sehr gut zusammen ging. Am 2ten Abend war Konzert, Beethovens d dur Symphonie eröffnete es (auf neuere und komplizirte Arbeiten kann man sich nicht einlassen, indem ein Theil der Blasinstrumente aus kleinen Städten dazu kommt) hierauf ließen sich Breslauer Künstler auf verschiedenen Instrumenten hören. Am dritten Tage früh 10 Uhr war das Gesangfest in der Kirche, man gab unter anderm „Die eherne Schlange“ Vocal-Oratorium von Löwe; eine meiner Ansicht nach ganz verfehlte Idee. Eine längere Komposition für Männerstimmen ohne alle Begleitung muß langweilig werden; man glaubt bei bewegten Sätzen manchmal sich in einer Synagoge zu befinden. Männergesänge kommen mir überhaupt etwas unnatürlich vor, weil zu wenig Stimmenausbreitung dabei möglich ist. Ein Quartett von 4 Violoncelli, auch wenn es von den größten Künstlern vorgetragen würde, müßte auf die Länge doch ermüden, obgleich der Tonumfang ein weit bedeutender als bei Männerstimmen ist. Schreiben Sie mir doch Ihre Ansicht darüber. Daß am Schluß des Festes gehörig geschmaust wurde, versteht sich von selbst. Nachdem Sie damals von Dresden abgereist waren2 brachte ich noch 29 betrübte Stunden daselbst zu. Nirgends wollte es mir gefallen und Freund Paul3 hatte Mühe, mich nur bei einigem Humor zu erhalten; ich war wirklich froh, als Sonntag Mittag 1 Uhr die Stunde meiner Abreise schlug. Sonnabend Abend war bei dem herrlichsten Wetter Konzert auf der Terasse, wo wir in Ihrer Gesellschaft recht vergnügt hätten sein können; den Tag über duselte ich zwecklos herum und Sonntag früh hörte ich noch ein Stück Schustersche Messe4 nebst Tiraden vom jungen Deutschland.5 Ihr 3tes Doppel-Quartett gewährt mir jetzt fortwährend den herrlichsten Nachgenuß, indem ich es mit meiner besten Schülerin, Madame Friedenthal6 à 4 mains spiele, und mich dabei abmühe, Ihren Vortrag hineinlegen zu wollen. Die Erinnerung an Dresden und die sächsische Schweitz ist in meinem Gedächtniß unauslöschbar eingegraben, obgleich ich in der Schweitz die gefährliche Rolle eines Vormunds übernommen hatte.7 Wie geht es Kleinwächters? Schreiben Sie mir ja recht bald. Was arbeiten Sie jetzt? Ich schreibe eine Kantate für unsere Kirche.8
NB. Kahlert kommt im September zu Ihnen, wenn es irgend möglich ist, so lassen Sie ihn Ihr 3tes Doppelquartett und Ihr neues Concertino (wo ich bei den Gedanken an die Transposition immer noch transpirire) hören, ich habe ihn durch meine Erzählung davon schon halb verrückt gemacht, vollenden Sie das übrige durch Ihr Spiel.
Herzliche Grüße an Ihre Frau Gemahlin, mein Mündel Thereschen, Madame Zahn und Wolf, Frau von Malsburg etc. etc.
Ich bin wie immer

Ihr Verehrer
Adolph Hesse

NS. Diese Zeilen schrieb ich unter Kanonendonner in ächt patriotischer Begeisterung.

Ihr Konzertino kann ich jetzt ganz auswendig. Ich habe mir es sorgfältig eingeübt, und trage es manchmal gleich einem brillanten Klavierstück vor, freilich mußte ich bei manchen Passagen mir einen ganz neuen Fingersatz machen.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 09.06.1836. Spohr beantwortete diesen Brief am 20.08.1836.

[1] Vgl. A[ugust] K[ahlert], „Aus Breslau”, in: Neue Zeitschrift für Musik 5 (1836), S. 77f., hier S. 78; „Musikfeste und Aufführungen”, in: ebd., S. 82.

[2] Vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 172, Text mit fehlerhafter Pagnierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 211f.

[3] Vermutlich der Dresdener Verleger Wilhelm Paul.

[4] Joseph Schuster, 1784 bis um 1800 Hofkapellmeister in Dresden, schrieb liturgische Musik für die Dresdener Hofkirche.

[5] Nicht ganz klar: die Literarische Gruppe Junges Deutschland war bereits am 10.12.1835 durch die deutsche Bundesversammlung verboten worden.

[6] Vorname nicht ermittelt. Möglicherweise Frau des Juristen Karl Wilhelm F. oder [unwahrscheinlicher] von dessen Vater Marcus Beer F. (vgl. Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität 25 (1984), S. 102). Hesse widmete ihr sein Rondo für Klavier op. 43.

[7] Erklärt sich aus dem weiter unten stehenden Gruß Hesses „an mein Mündel Thereschen”. Therese, die jüngste Tochter Spohrs, geb. 29.07.1818, war zur Zeit der Reise knapp 16 Jahre alt.

[8] Wahrscheinlich die von Hesse beim Musikfest in Waldenburg 1837 aufgeführte Kantate „Sei mir gnädig, Gott der Gnaden” (vgl. Hesse an Spohr, 18.09.1837).

Kommentar und Verschlagwortung, sofern in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.12.2014)