Autograf: Spohr Museum Kassel, Sign. Sp. ep. 1.1 <18360609>

Sr. Wohlgeb.
Herrn Oberorganist
Adolph Hesse
Breslau



Cassel den 9ten Juni
1836.

Geliebter Freund,

Ich werde mit meiner Frau und Therese eine Reise nach Dresden und in die sächsische Schweitz machen und über Braunschweig, um dort dem Musikfest als ruhiger Zuhörer beyzuwohnen, zurückkehren. Ich komme nach meinem im Voraus auf das genannte bestimmten Reiseplan, Sonnabend den 25sten dieses Monaths nach Dresden(, wo ich in der Stadt Gotha1 logieren werde,) und bleibe dort, inclusive der Parthie in die Sächsische Schweitz bis zum 1sten Juli abends. Ich schreibe diese Spezialia nicht ohne Absicht hierher, indem ich hoffe, Sie bekämen durch dieselbe Lust, Ihrem Vorsatz und Ihrem ausgefegten Beutel zum Troz, mich in Dresden aufzusuchen und die Parthie in die Berge mit uns zu machen. Sie würden mich auf das angenehmste überraschen und wir wollten 6 Tage recht vergnügt zusammen seyn! Ich möchte Ihnen dann auch 1½ neue Sonaten für Violine und Pianoforte die ich für mich und meine Frau geschrieben habe, zu hören geben.2
Neues weiß ich nicht weiter zu melden. Am Pfingsttage hatten wir endlich einmal ein sehr besuchtes Concert im Theater zum Besten unserer Wittwenkasse. Ich spielte mit Wiele meine H moll Concertante, die dießmal sehr gut zusammenging.3 Vor 8 Tagen war Francilla Pixis hier, sang aber nur einmal als Romeo4 weil wir bereits zwei Gäste5 hier hatten, zu welche alle Operntage verlegt waren. Francilla ist ein talentvolles Mädchen, die mir viel Freude gemacht hat. Frau von Malsburg ist nach Düsseldorf zum Musikfest. Ich erwarte ihre Zurückkunft mit Ungeduld, um von Mendelssohns neuem Oratorium Paulus erzählen zu hören. Über die Aufführungen des meinigen in verschiedenen Städten am Charfreitage habe ich nur erfreuliches berichtet bekommen.6
Der arme Naß dauert mich sehr; ich weiß jetzt, was man bey solchen Verlusten empfindet!!7 Grüßen Sie recht herzlich von mir.
In der Hoffnung, Sie doch vielleicht binnen kurzem zu sehen, mit herzlicher Freundschaft
der Ihrige

Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 31.05.1836. Hesse beantwortete diesen Brief am 03.08.1836.

[1] „Die Stadt Gotha, ein im Jahre 1817 eröffneter, vorzüglicher Gasthof, mit 17 Zimmern und Stallung für 14 Pferde, wo man Mittags und Abends gut nach der Karte speiset” (W[ilhelm] A[dolph] Lindau, Neues Gemählde von Dresden, in Hinsicht auf Geschichte, Oertlichkeit, Kultur, Kunst und Gewerbe, Dresden 1820, S. 150. Einige Jahre später bewertete ein anderer Reiseführer dieses Hotel als „viel besucht, gut” (Theobald Grieben, Zuverlässiger Wegweiser für Dresden, dessen Umgebungen und die Sächsisch-Böhmische Schweiz, Berlin 21857, S. 20).

[2] Hier handelt es sich sicherlich einerseits um das laut eigenhändigem Werkverzeichnis im März 1836 komponierte Duett op. 95 (vgl. Louis Spohr, Verzeichniß sämtlicher Compositionen von Louis Spohr, Ms. (Fotokopie im Spohr Museum (D-Ksp)), Nr. 150). Die Identifikation der „½” Sonate ist nicht ganz klar. Es könnte sich um den ersten Satz der „Nachklänge an eine Reise nach Dresden und in die sächsische Schweitz” handeln, da Spohr an Hesse in seinem Brief am 20. August berichtet, er habe die letzten drei Sätze vollendet und dort Reiseerinnerungen eingewebt. Für die These, dass der erste Satz bereits vor der Reise vorlag, könnte auch die Überschrift „Reiselust” sprechen.

[3] Vgl. „Cassel, im Juni”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 38 (1836), Sp. 394-397 und 421ff., hier Sp. 424.

[4] Vgl. Dr. L., „Cassel, Ende August”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 38 (1836), Sp. 727ff., hier Sp. 727.

[5] Nicht ermittelt.

[6] Aufführungen nicht ermittelt.

[7] Vgl. Vorbrief.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.03.2015)