Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Wohlgeborner,
Hochverehrter Herr Kapellmeister!

Euer Wohlgebohren kann ich in Beantwortung Ihres geehrten Schreibens v. 19t v. M. nicht freudig genug den Eindruck schildern, den die Aufführung Ihres herrlichen Oratoriums „des Heilands lezte Stunden“ so allgemein hervorgebracht hat. Es ist so groß geworden, daß der Verein, öffentich aufgefordert, sich zu einer Wiederholung am 27t d. M., dem jährlichen Buße und Bettag, bewogen gefunden hat und ich hoffe, daß der eigentliche Genuß dieses schönen Werks sich nun auch zu dem ersten Eindrucke gesellen wird. Nachdem Chöre und Soli‘s im Gesang Verein rhytmisch und deklamatorisch kräftig eingeübt waren, ist das Orchester zugetreten und nach fünf Proben die Aufführung gefolgt, die nach Verhältniß unserer Mittel gelungen zu nennen sein möchte.1 Dennoch muß es sich mit den reichen Mitteln eines besoldeten Sänger Personals vollendeter darstellen und der Wunsch es so zu hören ist recht lebhaft hervorgetreten. Auf Ihre im Juni [???] bevorstehende Anwesenheit bei uns freut sich unser gesammter Verein und wir warten darauf daß Sie es sich einige Tage in dem sonst befreundeten Erfurt werden gefallen laßen. Wir wünschten ein Konzert zu veranstalten und die „Weihe der Töne“ aufzuführen. Welche andern Musikstücke z.B. einen der 8stimmigen Psalmen, dem Baßduett des Faust pp Sie zu hören wünschen, darüber erbitte ich mir Ihre gütige Mittheilung unter Bezeichnung des Tages, an welchem das Konzert stattfinden soll. Finden Sie es nicht zu gewagt, so würde durch den Vortrage eines Violin-Solo‘s ein geheimer Wunsch erfüllt werden; indeß spreche ich diesem Wunsch nur schüchtern und nicht als bestimmte Bitte aus, sondern stelle die Gewährung oder Versagung lediglich Ihrem Ermessen anheim.
Herr Regierungsrath Türpen ist sehr dankbar für Ihre gütige Erinnerung an ihn, er hat mich ersucht, Ihren freundlichen Gruß herzlich zu erwiedern und hinzuzufügen, daß er sich heimisch halten werde um Sie hier zu empfangen. Ich freue mich sehr auf Ihre Anherkunft und werde mich beeifern, zur Verannehmlichung Ihres Aufenthalts nach Kräften beizutragen.
Genehmigen Sie die Versicherung meiner vorzüglichsten Hochachtung, womit ich stets verharre

Euer Wohlgebohrn
ganz ergebenster Dr2
Daniel

Erfurt 24 April 1836.

Autor(en): Daniel, Johann Christoph
Musikverein
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Erfurt
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1836042447

http://bit.ly/37li8g0

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Daniel, 19.03.1836. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Daniel an Spohr, 28.05.1836.

[1] Vgl. „Erfurt“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 38 (1836), Sp. 294.

[2] Abk. f. „Diener“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (10.06.2020).