Autograf: Staatsbibliothek Berlin Preußischer Kulturbesitz – Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 1,69

Wien, den 5 Apr. 1836.

Herrn Louis Spohr in Cassel.

Hochgehrtester Herr und Freund!

Entschuldigen Sie daß ich m Drange meiner Beschäftigung erst heute Ihr sehr Verehrtes v. 3 Febr. beantworte.
Dem geordneten Gegenstand wegen der Ihnen gesandten Anweisung übergehend, fand ich Ihre Angabe der an H Hofrath v. Kiesewetter eingesandten Exemplare Ihres Oratoriums wohl richtig, glaube jedoc wegen dem zu wenig berechneten Exempar keine Erwähnung zu thun, da dieser kl. Gegenstand bei der Session der Musikvereins besonders vorgetragen werden müßte, - und halte es für besser dieses nicht in Anrechnung zu bringen.
Hinsichtlich ds Solo-Quartetts bin ich mit Ihrem Honorar-Bedingnisse nun ganz einverstanden, nehmlich 150 T preus. Cour. Sehr wünschenswerth wäre mir aber dabey, wenn Sie mir dazu nachdem die Quartett-Musik nicht mehr so, wie sonst gekauft wird, eine Pianoforte-Begleitung zur Solo-Stimme liefern würden. Das Honorar werde ich Ihnen nach der Lpz. O.M.1 übermachen.
Höchst erfreulich war mir die Nachricht, daß Sie uns vielleicht diesen Sommer die Ehre Ihres Besuchs in unserer Stadt gönnen wollen. Thun Sie ja dieses, und machen Ihrer verehrten Frau Gemahlin diese Uiberraschung. Wenn Sie auch Wien in vielen Stücken, besonders in der Musikwelt nicht mehr so finden werden, wie es zur Zeit Ihres Hierseyn der Fall war, so werden Sie doch wieder manches Andere finden, daß Ihnen Vergnügen machen dürfte.
In dritten Concert spirituell wurde Ihre Sinfonie „Die Weihe der Töne“ zur Aufführung gebracht, wobey
10 Violino 1mo
8 Violino 2do
8 Viola
6 Violoncelle
und 4 Contrabässe
gespielt wurden.2 Man erblickte darunter Virtuosen ersten Ranges, und auch(?) auserlesene Dilletanten. Linke spielte die Serenade, Prof. Friedlowski das Wiegenlied zum Entzücken. Der 2te Satz mußte wiederholt werden. Die Blasinstrumente waren in den Händen der bewährtesten Künstler. Alle Mitwirkenden waren von der Schönheit des großen Werkes durchdrungen, dessen Erfolg durch mehrere gut geleitete Proben gesichert war. Selbst die türkische Musik wurde von mehreren Künstlern besorgt, die zum Gelingen des Ganzen ihr Schärflein beytragen wollten.
Die Concerts spirituelles sind eine Ehrensache Deutscher Kunst geworden, und sie stehen jetzt auf der Höhe, wohin sie der feste Wille, und der geläuterte Geschmack der Unternehmer stellen wollte. Auch das Publikum, ein wahrhaft gebildetes, [???]scheidet sehr richtig, prüft strenge und das mit Recht. Denn es darf nun an dieses Institut die höchsten Forderungen machen. - Das Finale des Oratoriums wurde von einem Chor (18 pr. stark) vorgetragen, der aus durchaus gesunden, kräftigen Stimmen bestand, und gut einstudirt, durch eine schöne Vertheilung von Licht und Schatten eine unbeschreibliche Wirkung machte. In dem Erdbeben-Chor machten die 6 Pauken einen schauerlichen Eindruck. Die Unternehmer wurden auch bemüth, eine Orgel zu stellen; doch mußten sie diesen Plan für dießmahl aufgeben, da der Raum des Orchesters durch die 6 Pauken, und durch die starke Besetzung der vorausgegangenen Lindpaintner‘schen Ouverture mit vielen Blechinstrumenten3 sehr benuzt war.
Sonach nehme ich für heute Abschied, und bitte der Ausdruck der vollsten Hochachtung und Verehrung zu genehmigen, mit der die Ehre hat zu seyn

Ihr
aufrichtigster Verehrer und Freund
Tobias Haslinger.

Erwähnte Personen: Friedlowsky, Joseph
Linke, Joseph
Erwähnte Kompositionen: Lindpainter, Peter von : Ouvertüre zur Eröffnung des Musikfests in Halle, TV 281
Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: Wien
Erwähnte Institutionen: Concerts spirituels <Wien>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1836040552

http://bit.ly/2qebi96

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Haslinger, 03.02.1836. Der nächste teilweise überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Haslinger, 24.05.1836, aus dem sich noch ein derzeit verschollener Brief von Haslinger an Spohr erschließen lässt.

[1] Leipziger Ostermesse.

[2] Vgl. „Das dritte und vierte Concert spirituel am 3. und 10. März“, in: Allgemeiner musikalischer Anzeiger 8 (1836), S. 41ff., hier S. 41f.; Heinrich Adami, „Drittes Concert spirituel“, in: Allgemeine Theaterzeitung 29 (1836), S. 186.

[3] Vgl. „Das dritte und vierte Concert spirituel“, S. 41.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.04.2017).