Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,251
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 156 (teilweise)

Herrn Hofkapellmeister Spohr
Wohlgeb
Cassel
in Hessen


Frankfurt a/m 27 Januar
1836.

Theurer Freund!

Empfangen Sie nachträglich meinen besten Dank für das mir verehrte Exemplar Ihres Oratoriums.1 Bei meiner heranwachwsenden Familie und bei dem musikalischen Sinn der Alle belebt, bin ich imstande sowohl dieses Werk als auch andere vierstimmige Sachen im häuslichen Kreise aufzuführen. Meine älteste Tochter spielt das Klavier2, meine zweite singt Sopran, die dritte Alt, ich Tenor und mein Sohn Baß. Auf diese Weise haben wir uns das Werk schon gehörig angeeignet und Freude daran erlebt.
Mit Subscibentensammeln bin ich indessen noch nicht glücklich gewesen; ich habe vor der Hand 3 Exemplare verkauft, welche Sie mir gef. alsbald überschicken wollen; ich setze indessen meine Bemühungen fort. – Bei allen Redensarten und sonstigen Geberden ist doch hier kein rechter Drang nach guter ernster Musik.
Seit Kurzem bin ich dem von Aloys Schmitt errichteten Instrumentalverein beigetreten.3 Es wird regelmäßig eine Sinfonie von Mozart oder Haydn und immer ein Klavierkonzert von Mozart aufgeführt. Wenn der Verein, der bereits 80 Mitglieder zählt, Bestand hat, so kann er einst etwas tüchtiges leisten. Im nächsten Jahr wird das Repertoire erweitert. Ihr Nonett wird jetzt einstudiert und Ihr Klavierquintett, in C moll, wurde mit großem Beifall aufgeführt. Auch wirkte ich jüngst bei dem Septett von Beethoven.
Im Privatzirkel spielten wir neulich Ihre 3 Doppelquartette mit großer Freude, und das Octett von Mendelssohn, dessen beide letzten Sätze mir besonders gefallen. Seine charakteristischen Ouvertüren sprechen mich sehr an.
Wir hoffen nun bald die Anzeige Ihrer Vermählung von Ihnen zu erhalten und wünschen Ihnen im Voraus alles erdenkliche Glück.
Wie immer Ihr treu ergebenster

W Speyer

In welchem Verlag sind die neuen Sonaten von Hauptmann erschienen?



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Speyer an Spohr, 21.11.1835. Spohr beantwortete diesen Brief am 04.02.1836.

[1] Des Heilands letzte Stunden.

[2] Antonie Speyer.

[3] Vgl. „Reisebriefe an die Geliebte. Nr. 6 (Fortsetzung). Frankfurt”, in: Museum der eleganten Welt (1836), S. 697; Helene de Bary, Museum. Geschichte der Museumsgesellschaft zu Frankfurt a.M., Frankfurt am Main 1937, S. 91.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (08.03.2016).

Frankfurt, 27. Januar 1836.

Empfangen Sie nachträglich meinen besten Dank für das mir verehrte Exemplar Ihres Oratoriums ,Des Heilands letzte Stunden’. Bei meiner heranwachwsenden Familie und bei dem musikalischen Sinn der Alle belebt, bin ich imstande sowohl dieses Werk als auch andere vierstimmige Sachen im häuslichen Kreise aufzuführen. Meine älteste Tochter spielt das Klavier, meine zweite singt Sopran, die dritte Alt, ich Tenor und mein Sohn Baß. Auf diese Weise haben wir uns das Werk schon gehörig angeeignet und Freude daran erlebt. – Seit Kurzem bin ich dem von Aloys Schmitt errichteten Instrumentalverein beigetreten. Es wird regelmäßig eine Sinfonie von Mozart oder Haydn und immer ein Klavierkonzert von Mozart aufgeführt. Wenn der Verein, der bereits 80 Mitglieder zählt, Bestand hat, so kann er einst etwas tüchtiges leisten. Ihr Nonett wird jetzt einstudiert und Ihr Klavierquintett, in C moll, wurde mit großem Beifall aufgeführt. Auch wirkte ich jüngst bei dem Septett von Beethoven mit. Im Privatzirkel spielten wir neulich Ihre 3 Doppelquartette mit großer Freude, und das Oktett von Mendelssohn, dessen beide letzten Sätze mir besonders gefallen. Seine charakteristischen Ouvertüren sprechen mich sehr an. – Wir hoffen nun bald die Anzeige Ihrer Vermählung von Ihnen zu erhalten und wünschen Ihnen im voraus alles erdenkliche Glück.