Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,171
Druck 1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 59ff. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 2: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 306f.

Leipzig, den 12ten Octbr. 1835.

Geehrter Herr und theurer Freund!

Etwas über zwey Wochen ist es, daß Ihr Brief, und drey Wochen, daß Ihr Oratorium in meinen Händen ist. Rechnen Sie es nicht blos meinen eben jetzt drängenden Arbeiten und den Unruhen der Messe zu, daß ich Ihnen meinen Dank für jenes theure, ja noch besonders mich ehrende Geschenk so lange schuldig geblieben bin; denn zu einem Worte des Dankes wird dem, der ihn wirklich fühlt, immerdar Zeit: rechnen Sie es zunächst dem zu, daß ich zu hoffen mir erlaubte, das feine Cassel werde Ihnen indessen ein Exemplar meiner „Auswahl”1 etc. geliefert haben, wo dann ich gewiß bald Weiteres über jenen zwischen uns in Frage gestellten Gegenstand erhalten würde. Länger kann ich jedoch meinen Dank nicht auf dem Herzen behalten; und so nehmen Sie ihn denn hin, einfach, ohne alle Phrasen der Höflichkeit, doch mit der Versicherung: Ich zähle es zu den Glücksfällen meiner letzten Jahre, dieses Ihr Werk veranlaßt zu haben; ich werde oft zu ihm zurückkehren, stets in der rechten Stimmung, stets mit erneuter Hochachtung gegen den Meister, stets mit Erinnerung an den herrlichen Nachmittag in Cassel, wo es zuerst mir bekannt gemacht wurde – wo möglich, zu angemessener Jahreszeit u. in einer Kirche – zu hören und seines Eindrucks ganz vollständig theilhaft zu werden.2
Nach Ihrer Ansicht und Meynung über „Khoru” und „Parisade” verlangt mich nicht wenig. Bis dahin setze ich noch einige Anmerkungen darüber her.
Ihrem Urtheile über gänzliche Trennung beyder Stücke, so daß das erste ganz Schauspiel bleibt, mithin von Schauspielern, nicht von den Operisten, die nur3 im zweyten auftreten) ausgeführt wird etc. stimme ich nicht nur vollkommen bey, sondern es ich auch gänzlich meyne Meynung gewesen, die ich im frühern Briefe erklärt, wahrscheinlich aber nicht deutlich genug ausgedrückt habe. Khoru u. Yanta, die Einzigen, die in der Oper wiederkommen, müssen hier um fast 20 Jahre älter erscheinen. – In der Oper aber allen Dialog in Recitativ zu bringen, und nicht des Recitativs zu viel, zugleich die Oper zu lang zu machen, als daß sie mit dem Vorspiel an Einem Abend gegeben werden könnte: das scheint mir unmöglich. Wenn aber irgendwo der Wechsel von Dialog und Gesang zuläßig ist, so ist er es in solchen märchenhaften Opern; und in Wirkung auf ein gemischtes Publikum gewinnen sie dadurch noch ganz offenbar. (So würde z.B. Ihr „Rübezahl”4 in solcher Wirkung gewiß gewonnen haben, wenn er also bearbeitet worden wäre; da es hingegen bey der Jessonda eine andere Sache ist). – Die größten Änderungen, die ich bey der Umgestaltung des zweyten Stücks nöthig finde, sind folgende. Amira muß ganz wegbleiben und Wesentliche dessen, was sie zu sagen hat, auf andere Weise vermittelt werden. – Die Wiederholung jenes gefährlichen Abenteuers an Bruder und Schwester (im 2ten Act)5 darf nicht statthaben. Des Bruders Schicksal muß schon entschieden seyn und blos kürzlich in der Folge erwähnt werden. – Die nicht kurze Scene zwischen Minora und Zade, S. 59 folg., bietet die meisten Schwierigkeiten.6 Wird sie weggelassen, so geht der magische Zusammenhang mit alle dem, was in der Folge den Genius betrifft, verloren, und dessen ganze, sonst sehr günstige Rolle, selbst für die junge Darstellerin, bleibt Flick- und Stückwerk. Dagegen die lange Erzählung! Hier kann meines Erachtens, nur zweyerlei helfen: erstens die Poesie selber, zweytens, daß man die Zade: da sie (wenn das nöthig) gar nichts zu singen bekömmt, einer vorzüglich gut und mit lebendigem Ausdruck recitirenden Schauspielerin giebt. Eben dies übernimmt gewiß eine jede gern. – Doch bleibt es allerdings bei der Abrede, was das ganze Stück betrifft: Wenn es Sie nicht dazu treibt, so lassen wir es liegen, denn auch der trefflichste Künstler wird nie etwas wahrhaft Ausgezeichnetes ohne wahren, inneren Antrieb liefert. –
Mendelssohn ist hier vollkommen so rühmenswürdig, als wir Beyde erwartet hatten, aufgetreten, und zwar als Componist, Virtuos, Director7 und Mann. So hatte er auch bald Alles für sich eingenommen; und er kann mit dem Orchester zu Stande bringen, was wir hier noch nie von diesem gehört haben. Es wird aber auch in reichstem Maaße anerkann und erfühlt sich sehr glücklich.
Ich begrüße Sie und alle die werthen Ihrigen aufs beste. Das thut auch Franziska.
Hochachtungsvoll u. von Herzen ergeben,

Rochlitz.

Erwähnte Personen: Kübler, Franziska
Mendelssohn Bartholdy, Felix
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Berggeist
Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Gewandhaus <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835101236

http://bit.ly/2fs1ReQ

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rochlitz, 20.09.1835. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Friedrich Rochlitz, Auswahl des Besten aus Friedrich Rochlitz' sämmtlichen Schriften, Bd. 1, Züllichau 1821.

[2] Zu Rochlitz' Aufenthalt in Kassel vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 27.08.1835 und Spohr an Adolph Hesse, 13.12.1835.

[3] „nur” über der Zeile eingefügt.

[4] Der Berggeist.

[5] „(im 2ten Act)” über der Zeile eingefügt.

[6] Vgl. Rochlitz, S. 59-69.

[7] „Director” über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2016).