Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,160
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S.147f. (teilweise)

Cassel den 30sten Sept.
1835.

Geliebter Freund,

Die Nachricht, die ich Ihnen heute geben werde, wird Sie überraschen, aber vielleicht weniger befremden wie andere, da Sie das frühere Glück meiner Häuslichkeit kannten. ich werde mich Ende des Jahres wieder verheirathen! Nach der Rückkehr von der Reise fühlte ich mich in meinem einsamen Haus so verlassen, daß mich oft die tiefste Wehmuth überfiel. Ich versuchte es mit Arbeit, aber alle Lust zur Kunstproductivität, die sonst das Glück meines Lebens machte, war von mir gewichen, weil ich Niemand hatte der an meinen Arbeiten Theil nahm. So lange meine Schwägerin noch lebte war dieß ganz anders. Sie hatte sich von jeher lebhaft dafür interessirt und liebte es, über meine Arbeiten und neuen Pläne dazu mit mir zu sprechen. Jetzt aber habe ich nur meine gute Therese, die zwar für alle meine physischen Bedürfnisse mit musterhafter Pünktlichkeit sorgt, in Jahren und Lebensansicht mir aber zu fern steht, um an dem, was mich als Mensch und Künstler interessirt, lebhaften Antheil nehmen zu können. Und so fühlte ich denn lebhaft, daß ich, um noch einmal froh zu werden, mir für meine noch übrige Lebenszeit eine Gefährtin suchen müsse. Alles was man gegen einen solchen Entschluß in meinen Jahren einwenden kann, habe ich mir nicht verhehlt; alle diese Einwendungen wurden aber durch den Umstand entkräftet, daß ich hier seit Jahren ein Mädchen kannte, die für mich, den Künstler und meine Arbeiten unverholen die größte Vorliebe zeigte und die mir daher, da sie nur in Musik lebt, als Dilettantin sich darin auszeichnet, ganz geeignet schien, das Glück meiner noch übrigen Tage zu machen. Ich machte ihr meinen Antrag und er wurde angenommen. Sie ist die älteste Tochter des Oberappellationsrats Pfeiffer, Schwester meines verstorbenen Freundes Carl Pfeiffer, dem Dichter meiner beiden letzten Opern, sowie der Weihe der Töne. Sie ist 29 Jahr alt, nicht schön, aber gut und liebenswürdig und mir von Herzen zugethan.
Den unglücklichen Eckhardt habe ich an Thomae in Cleve empfohlen1, der für jene Stadt einen Musiklehrer und Dirigenten der Liebhaberconcerte sucht2. Findet man ihn zu diesen Puncten tauglich, so bin ich überzeugt, daß Thomae ihn, rücksichtlich meiner Empfehlung dazu befördern wird.
Diesen Brief überbringt Ihnen Herr Curschmann aus Berlin, der seine Musikstudien früher hier bey Hauptmann machte und sich jetzt zum Lieblings-Lieder-Komponisten der Berliner Musik-Welt emporgeschwungen hat. Er hat uns gestern Abend durch seine lieblichen und mitunter höchst originellen Lieder wahrhaft entzückt. Er mach[t] eine Vergnügungsreise nach Paris und wird einige Tage in Frankfurt verweilen. Führen Sie ihn doch bei H von Gersdorf ein. Er wird Ihren musikalischen Zirkel durch sein Talent und seine Liebenswürdigkeit sehr erfreuen. – Noch eine Bitte: Sagen Sie doch gefälligst dem kl. Kessler, daß ich das Buch seiner Oper, welches er im Schwan hatte liegen lassen, an den Rentier(?) gegeben habe, mit dem Auftrage es ihm zuzustellen.
Die herzlichsten Grüße an die lieben Ihrigen.
Stets Ihr treuer Freund
Louis Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 27.08.1835. Speyer beantwortete diesen Brief am 12.10.1835.

[1] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[2] Vgl. Friedrich Thomae an Spohr, 20.08.1835.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (07.03.2016).

Cassel, 30. September 1835.

Die Nachricht, die ich Ihnen heute gebe, wird Sie überraschen, aber vielleicht weniger befremden wie andere, da Sie das frühere Glück meiner Häuslichkeit kannten. ich werde mich Ende des jahres wiederverheiraten! Nach der Rückkehr von der Reise fühlte ich mich in meinem einsamen Haus so verlassen, daß mich oft die tiefste Wehmut überfiel. Ich versuchte es mit Arbeit, aber alle Lust zur Kunstproduktivität die sonst das Glück meines Lebens machte, war von mir gewichen, weil ich Niemand hatte der an meinen Arbeiten teilnahm. So lange meine Schwägerin noch lebte war dies ganz anders. Sie hatte sich von jeher lebhaft dafür interessiert und liebte es, über meine Arbeiten und neuen Pläne dazu mit mir zu sprechen. Jetzt aber habe ich nur meine gute Tochter Therese, die zwar für alle meine physischen Bedürfnisse mit musterhafter Pünktlichkeit sorgt, in Jahren und Lebensansicht mir aber zu ferne steht, um an dem, was mich als Mensch und Künstler interessiert, lebhaften Anteil nehmen zu können. Und so fühlte ich denn lebhaft, daß ich, um noch einmal froh zu werden, mir für meine noch übrige Lebenszeit eine Gefährtin suchen müsse. Alles was man gegen einen solchen Entschluß in meinen Jahren einwenden kann, habe ich mir nicht verhehlt; alle diese Einwendungen wurden aber durch den Umstand entkräftet, daß ich hier seit Jahren ein Mädchen kannte, die für mich, den Künstler und meine Arbeiten unverholen die größte Vorliebe zeigte und die mir daher, da sie nur in Musik lebt, als Dilettantin sich darin auszeichnet, ganz geeignet schien, das Glück meiner noch übrigen Tage zu machen. Ich machte ihr meinen Antrag und er wurde angenommen. Sie ist die älteste Tochter des Oberappellationsrats Pfeiffer, Schwester meines verstorbenen Freundes Karl Pfeiffer, dem Dichter meiner beiden letzten Opern, sowie des Gedichts zur ,Weihe der Töne’. Sie ist 29 Jahre alt, nicht schön, aber gut und liebenswürdig und mir von Herzen zugetan ...
Diesen Brief überbring Ihnen Herr Curschmann aus Berlin, der seine Musikstudien früher hier bei Hauptmann machte und sich jetzt zum Lieblingsliederkomponisten der Berliner Musikwelt emporgeschwungen hat. Er hat uns gestern Abend durch seine lieblichen und mitunter höchst originellen Lieder wahrhaft entzückt. Er macht eine Vergnügungsreise nach Paris und wird einige Tage in Frankfurt verweilen. Er wird Ihren musikalischen Zirkel durch sein Talent und seine Liebenswürdigkeit sehr erfreuen ...