Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,203
Entwurf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,202
Druck 1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 58f. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 2: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 305f.

Cassel, den 20sten September
1835.

Hochgeehrter Herr und Freund,

Ich habe weder in unseren Leihbibliotheken noch in der öffentlichen Bibliothek die Auswahl Ihrer Schriften gefunden und deshalb nun an einen Bekannten geschrieben, der sie mir hoffentlich verschaffen wird. Meyne Meynung über Ihren Vorschlag wegen „Parisade und Brahman”1 kann ich daher eigentlich noch nicht äußern, doch verhehle ich nicht, daß die Gattung (Schauspiel mit Gesang,) mir mißfällt, weil sie nichts ganzes und dabey selbst unpraktisch ist, da die Schauspieler nicht singen und die Sänger in der Regel nicht reden und spielen können. Am liebsten hätte ich ein Opernbuch, das sich, unbeschadet der Verständlichkeit ganz durchkomponiren ließe. Da sich aber solche Stoffe, die einfach und doch anziehend2 und ganz frei von unmusikalischen Situationen sind, nur höchst selten auffinden lassen, so wünsche ich wenigstens eins, in welchem nur so viel Dialog als zum Verständniß unentbehrlich ist, vorkäme.
Ließe sich aber der, von Ihnen vorgeschlagene Stoff so bearbeiten, daß das Vorspiel „Khosru” (vielleicht zu besserer Verständlichkeit der darauf folgenden Oper etwas erweitert,) blos als Schauspiel, von Schauspielern gegeben und nur durch eine Ouverture eingeleitet, die folgende Oper „Parisade und Brahman” dann aber ganz in Rezitativen (ohne alle Dialoge) hingestellt würde, so wäre das eine neue und wie mir scheint höchst interessante Gattung. Es würde dann gewissermaßen das Unmusikalische und das, zum Verständnis des Sujets unentbehrliche vorausgeschickt und das Romantische oder Phantastische, zur Komposition geeignete als Oper hingegeben. Könnte nun vollends das Ganze so geordnet werden, daß das Vorspiel ½ oder ¾ Stunden, die Oper 7/4 oder höchstens 2 Stunden dauerte, so wäre an der Form, glaube ich, gar nichts auszusetzen. Doch wäre wohl auch noch erforderlich, daß von den Personen des Vorspiels in der Oper keine wieder vorkommen brauchte, (oder allenfalls stumm,) weil jenes nur von Schauspielern gegeben werden soll. Ob dies bey Ihrem Stoff möglich, kann ich freilich nicht beurtheilen, da er mir noch unbekannt ist.
Dieß ist es, was ich Ihnen zur weitern Prüfung vorschlagen wollte. Die freudige Nachricht am Schluß Ihres Briefes, daß Sie sich nach der Reise sehr gestärkt fühlen, hat mich dazu ermuthigt.
Vor 14 Tagen habe ich nun endlich auch wieder zu arbeiten angefangen und bereits von einem neuen Quartett die beyden ersten Sätze beendigt.
Herrn Mendelssohn bitte ich herzlichst zu grüßen. Durch sein Wirken werden Ihre Concerte gewiß neu belebt werden. Kann es seyn, so bitte ich meine 3te Sinfonie (c-moll) unter Mendelssohns Direction auf ihr Repertoir zu bringen; ich halte sie für meine gelungenste Arbeit in der eigentlichen Sinfonie-Form.
Meine Töchter und Schwiegersöhne lassen sich Ihnen und Fräulein Franziska angelegentlichst empfehlen. Mit inniger Freundschaft stets ganz

der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Mendelssohn Bartholdy, Felix
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 93
Spohr, Louis : Sinfonien, op. 78
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Gewandhaus <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835092006

http://bit.ly/2fqLrTP

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Rochlitz an Spohr, 09.09.1835. Rochlitz beantwortete diesen Brief am 12.10.1835.

[1] Vgl. Friedrich Rochlitz, Auswahl des Besten aus Friedrich Rochlitz' sämmtlichen Schriften, Bd. 1, Züllichau 1821, S. [3]-138.

[2] Hier gestrichen: „sind”.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2016).