Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,170
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 304f.

Leipzig, d. 9ten Septbr. 1835.

Geehrter Herr und theurer Freund!

Wenn die Wiederholung meines aufrichtigsten Danks für die mir, durch Sie, die Ihrigen, und wer sich sonst nahe an Sie angeschlossen, so sehr bereicherten und so höchstangenehm gemachten Tage in Cassel – so spät kömmt: so rechnen Sie es bloß dem zu, daß – nach etwas über sechswöchentlicher Abwesenheit – sich so Vieles aufgehäuft hatte, was abzuthun oder durchzuarbeiten war, daß Zeit und Kräfte kaum ausreichen wollten; dies aber um so vielmehr, weil ich, vom Arzt vor allzuscharfem Contrast mit dem Nächstvorhergegangenen gewarnt, mich einigermaßen zurückhalten und was nicht allzudringen, verschieben mußte. Darunter glaubte ich nun auch das Schreiben an Sie rechnen zu dürfen, und dies um so mehr, weil ich hoffte, Ihnen dann auch etwas über die versprochene Oper melden zu können.
Und das kann ich nun wirklich. Der Gedanke daran hat mich in allen freyen Stunden begleitet; und ohngeachtet ich, wie ich Ihnen schon mündlich gesagt, an das Ausarbeiten nicht früher kommen kann, als gegen Ende Octobers: so habe ich doch die Freude, melden zu können, daß ich auf Spaziergängen mir einen Plan ersonnen und nach allem Wesentlichen nun im Kopfe fertig habe – einen Plan, mit dem ich, der nicht im Geringsten gewohnt ist, sich über seine Arbeiten selbt zu schmeicheln, zufrieden seyn darf. Ich kündige davon nur folgendes im voraus an. Auf alle jetzige Theater- und Opern-Verhältnisse, in wie weit sie vernünftig sind, ist Rücksicht genommen: und darum kann auch das Stück überall gegeben werden. Der historische Inhalt ist, was die Hauptgegenstände betrifft, noch gar nicht dagewesen; übrigens romantisch, aber ohne alles Geisterwesen – indem ichs lieber mit Geist als mit Geistern halte. Der durch das Ganze herrschenden Stimmung nach – mithin für die musikalische Behandlung im Allgemeinen – weiß ich keinen bessern Vergleich als Ihre Zemire und Azor. Dies möge vorläufg genug seyn: aber ich habe nebenbey auch noch einen andern Vorschlag, den ich zu bedenken, und dann (kann es geschehen: nicht zu spät) mir Ihre Meynung über ihn1 mitzutheilen bitte.
Die Sammlung („Auswahl” etc.) meiner frühern Schriften in sechs Bänden – dieselbe, worin das Oratorium stand – ist Ihnen nicht unbekannt, und wenn Sie sie auch nicht besitzen, so werden Sie doch wohl leicht den 1sten Band derselben geliehen bekommen können. Dieser fängt an mit einem dramatisirten, orientalischen Märchen: „Parisade und Brahman” – dem ein dazu gehörender Prolog: „Khosru, Schach von Persien” – vorgeht, welcher gewissermaßen ein kleines Schauspiel für sich ausmacht.2 Dies Beydes zusammen könnte (allerdings das zweyte mit großer Umformung und Abkürzung) ein gewiß nicht uninteressantes, in seiner Art ganz neues Stück abgeben. Der Prolog, wenig abgeändert, würde vorn und zwar ganz als Schauspiel, (mit nur weniger Instrumentalmusik an einigen Orten,) mithin auch von Schauspielern gegeben: dann begönne erst die Oper: Parisade etc. doch eine eigentliche Oper würde es auch nicht, sondern nur ungefähr in dem Maaß eine, wie Maria v. Webers Pretiosa allenfalls eine genannt werden könnte – nur mit beträchtlich mehr Musik und besonders mit weit größern Musikstücken, auch tüchtigen Finalen. – Belieben Sie von diesen Gesichtspunkten aus das Ganze ernstlich anzuschauen, und dann die Resultate Ihres Nachdenkens, nicht nur über das Ganze, sondern auch über die musikalisch wichtigsten Scenen und Situationen, zu melden. An Effect würde es, wie mich dünkt, keineswegs fehlen; und an solchen, wie ihn, mit Recht oder Unrecht, die Mehrzahl jetzt vorzüglich liebt, am wenigsten. Sollten Sie vielleicht von diesem zweyten Stück sich jetzt mehr angezogen fühlen, als von dem ersten – der eigentlichen Oper: so hätte ich nichts dagegen, und diese verblieb uns ja auch für eine spätere Zeit. –
Mendelssohn ist nun bey uns. Er trat in der Gesellschaft mit eben so viel Klugheit, als ernster und freundlicher Haltung auf. Wie billig, kommen wir ihm möglichst entgegen und erleichtern ihm, was sich erleichtern läßt. Schon habe ich mit ihm den Plan zu alle 20 Concerten entworfen: nicht nur durch die Ausführung, sondern auch durch die Wahl des Auszuführenden soll und wird das Institut höher gehoben werden als es jemals gewesen ist. Ich sehe der Eröffnung mit vieler Freude entgegen; wie ich auch schon um meiner über Erwarten gestärkten Gesundheit willen frohe Tage verlebe.
Grüßen Sie die lieben Ihrigen aufs Beste, und wem sonst am meinem Gruße gelegen seyn kann, gleichfalls. Ich wünsche, daß unter den Letztern Ihr geistig- und körperlich-runder Violoncellist3 sey.
Ihr Rchz

Erwähnte Personen: Hasemann, Nikolaus
Mendelssohn Bartholdy, Felix
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Zemire und Azor
Weber, Carl Maria von : Preciosa
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Gewandhaus <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835090936

http://bit.ly/2fqGeLI

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Rochlitz an Spohr, 03.08.1835. Spohr beantwortete diesen Brief am 20.09.1835.

[1] „über ihn” über der Zeile eingefügt.

[2] Vgl. Friedrich Rochlitz, Auswahl des Besten aus Friedrich Rochlitz' sämmtlichen Schriften, Bd. 1, Züllichau 1821, S. [3]-138.

[3] Vermutlich Nicolaus Hasemann.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2016).