Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Thomae:3


Cleve den 20 August 1835.

Mein hochverehrtester Freund!

Die Anwesenheit des jungen Herrn Dümont von Cöln, (Solobaßsänger auf dem rheinischen Musikfeste, u. Kaufmanns1) der uns auf einige Tage besucht hat und uns heute Abend durch seinen Gesang in einem Concerte erfreuen wird, gewährt mir die angenehme und freudige Veranlassung Dir durch denselben diese Zeilen überreichen zu lassen, da er Vorhabens ist, auf seiner Geschäftsreise Cassel zu berühren und Dir seine Hochachtung, als einer Deiner innigen Verehrer zu bezeugen; sein Wunsch ist, dort eine Oper zu hören, und sein höchster: Deinen Faust; – möchte ihn das Geschick in dieser Beziehung günstig seyn! er ist ein gebildeter, bescheidener, artiger junger Mann, den ich Dir bestens empfehlen darf. – Hoffentlich habt Ihr Eure Reise glücklich und ohne ferneres Ungemach zurückgelegt und seid mit dem verschiedenartigsten Gefühlen in Eure friedliche Wohnung wieder eingetreten! Der Schmerz über den eben so unendlichen, als unerwarteten Verlust, den Ihr erlitten2, wird dadurch natürlich seine Herrschaft geübt haben und noch üben, und nur die Zeit wird denselben lindern können, – ist es doch wirklich bei uns so, wie sollte es nicht bey Euch seyn?! Ihr, der guten, lieben Seele, ist wohl und ihr Wunsch der Ruhe an dem ihr so lieb gewesenen Plätzchen der Erde, erfüllt! Diese Gedanken müssen beruhigen und wohlthätigen Balsam in die schmerzliche Wunde gießen.
Freitags, den 24 Juli, (Tages vorher hatten wir uns zu Nymegen getrennt) kam ein Brief3 aus Cassel für Dich hier an, in der nämlichen Stunde fast konnte ich ihn nach Cöln schicken, ich addressirte ihn (auf der Außenseite) an meinen dortigen Freund, den Tuchhändler H. Joseph Dümont mit der Bitte, Dir den Brief augenblicklich auf das Dampfschiff zu besorgen; es war dies das einzige Mittel, Dir folgen zu lassen, – ist dies auch der Fall gewesen?
Für den Besuch4, womit Du uns beglückt hast, sagen wir Alle Dir noch unseren herzlichsten, aufrichtigsten Dank. Die Erinnerung daran gehört zu unsern angenehmsten Gedanken, die uns ebendeshalb so oft beschäftigen und immer neu und freudig für uns sind; wenn sich dabei der Schmerz gesellt, der ungewöhnlich davon ist: so findet auch diese wieder eine tröstende Linderung, darin5 daß es uns grade durch Deinen lieben Besuch vergönnt gewesen ist, die gute Wilhelmine kennen zu lernen, bei uns zu sehen und ihr unsre recht aufrichtige Liebe und Hochachtung zu bezeugen; wir glaubendenn auch uns schmeicheln zu dürfen, daß es ihr bei uns nicht mußfallen habe, und daß es ihr nicht ganz gleichgültig gewesen sei, daß sie sich in unsern Herzen ein Denkmal der wahren Zuneigung gestiftet!
Wir geben der Hoffnung Raum, daß Du Deine übrigen Kinder, Enkel und Familien in [???]tem Wohlseyn wieder gesehen haben wirst und kein Ungemach in irgend einer Beziehung mehr eingetreten sei; bei uns ist es Gottlob! so, und unsre Emma ist von der Gicht, woran sie arg gelitten, wieder hergestellt!
Der Kriegs Rath von Ammon ist in’s Bad gereiset (nach Baden-Baden), und noch nicht zurück. Die Dürre fällt hier auf eine, wirklich Besorgniß erregende Weise an, Brunnen, Graben und Bäche sind fast leer von Wasser, an Futter für das Vieh herrscht in der That schon voller Mangel auf die Nahrungsmittel für die Menschen fangen an zu fehlen und werden deshalb täglich theurer! Das Gras in unsern, so häufigen Wiesen, dem Reichthum unseres Landes, verdorrt, und gesäet kann nicht werden, – die Erdäpfelernte mißräth fürchterlich, – wo das hinaussoll, weiß nur Gott, aber auch Er wird Zeit und Maaß setzen und zu große Noth abwehren!
Eine freundliche Bitte hätte ich wohl an Dich, daß Du nämlich unser eingedenk seyn wollest, wenn Du einmal einen Musiker fändest, der sich für uns und unsern Ort paßte, Violine u. Pianoforte spielte u. fähig wäre, die musikalischen Angelegenheiten hier zu ordnen u. zu leiten, u. dabei die erforderlichen moralischen u. geselligen Erfordernisse nicht entbehrte u uns einen solchen zuzuweisen und namhaft zu machen, – je eher dies geschehen könnte, um so lieber würde es besonders mir seyn, da es mir täglich mehr zuwider wird, an der Spitze des musikalischen Verkehrs seyn zu müssen, dabei aber so sehr gern hier guten musikalischen Unterricht ertheilt sähe; – tüchtig müßte der Mann seyn, u. wo möglich nicht verheirathet noch auch alt; entspräche ein solcher den billigen Anforderungen: so könnte er auf ein gutes und angenehmes Bestehen rechnen und ich würde es für meine Pflicht erachten, ihn gebührend und in jeder Beziehung zu unterstützen. Es thut uns ein solcher Mann sehr noth, und deshalb erlaube ich mir, uns Deiner gütigen Fürsorge bestens und angelegentlich zu empfehlen.
Dann habe ich noch eine herzliche, persönliche Bitte an Dich, mein hochverehrtester Freund! die nämlich, daß Du mir ferner Deine unschätzbare Freundschaft erhalten und bewahren, u. mich davon nicht unwürdig halten wollest; ich bin Dir auf’s Höchste dankbar für die bisherigen Zeichen, die Du mir davon gegeben, und versichere Dich, daß Niemand in der Welt darauf einen höheren Werth legt, als ich, und daß ich mich äußerst geehrt und geschmeichelt fühle, in Verhältnissen meiner langjährigen Freundschaft mit Dir zu stehen! –
Meine Frau schickt Dir und der guten Therese die herzlichsten Grüße mir mir, so wie wir Dich bitten, uns Deinen übrigen beiden Kindern bestens zu empfehlen.
Mit den unveränderlichsten Gefühlen wahrer und inniger Hochachtung und Freundschaft bin und bleibe ich ewig

der Deinige
Fr Thomae

Autor(en): Thomae, Friedrich Wilhelm Ludwig
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Ammon, Johann Georg Heinrich von
Dumont, Joseph
Dumont-Fier, Michael
Scheidler, Wilhelmine
Spohr, Therese
Thomae, Emma
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Erwähnte Orte: Baden-Baden
Kassel
Kleve
Köln
Nijmegen
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Niederrheinische Musikfeste <verschiedene Orte>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835082046

http://bit.ly/33U8kZY

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Thomae an Spohr, 02.06.1835. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Sic!

[2] Auf der erwähnten Reise starb Spohrs Schwägerin Wilhelmine Scheidler (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 167, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 205f.).

[3] Noch nicht ermittelt.

[4] Vgl. Lebenserinnerungen, S. 166; Selbstbiographie, S. 204.

[5] „darin“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (08.12.2020).