Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Muehlenbruch,H.:5

Sr Wohlgeboren
Herrn Kapellmeister Dr L. Spohr
Cassel.

frei.


Bremen, am 15. Juni 1835.

Hochverehrter Herr Kapellmeister!

Ihr werthes Schreiben vom 14ten v. Mts hat mich auf das Angenehmste überrascht, da mir seit so langer Zeit keine directe Nachricht von Ihnen zugekommen war. Daß ich mich mit Freude der Ausführung Ihres Auftrages übertrug, werden Sie hoffentlich versichert seyn, und ich ersuche Sie, so oft über meine Dienste zu verfügen, als Sie deren bedürfen sollten.
Leider ist das Resultat meiner Bemühungen so ungünstig, daß ich mich bis jetzt gescheut habe, es Ihnen mitzutheilen; ich darf indessen nicht länger zögern, weil Sie mich sonst etwa der Nachlässigkeit beschuldigen könnten.
Riem hat zwar, mit Zustimmung der Vorsteher unsrer hiesigen Sing-Academie, auf1 ein Exemplar Ihres Oratoriums2 für jenes Institut unterzeichnet, es ist aber dennoch nicht auf weiteren Absatz (unter den Mitgliedern) zu zählen, bis Ihr Werk zu einer öffentlichen Aufführung am Charfreitage bestimmt seyn wird.
Darüber kann nun Riem erst entscheiden, wenn er bei der Durchsicht des Klavierauszuges untersucht, in wie weit die hiesigen (im Betreff des Sologesanges sehr geringen) Kräfte, der Composition gewachsen sind. Und selbst im Falles das Oratorium hier zur Aufführung käme, würde ich nicht auf große Theilnahme für den Klavier-Auszug rechnen, wie ich die Kauflustigkeit des hiesigen Publicums, in musikalischer Hinsicht, beurtheile.
Da die Sing-Academie jetzt Ferien hat, u. erst bei ihrer Winter-Eröffnung im September, ein Beschluß ihrer öffentl. Aufführungen gefaßt werden kann, so würde selbst die vorgängige3 Uebersendung einer Abschrift des Klav.-Auszuges nicht zum Ziel führen. Es bleibt mir daher nur den Wunsche auszusprechen, daß Sie für den etwaigen Bedarf der Bremer einige Exemplare reserviren möchten.
Die Subscriptions-Liste werde ich erst zurücksenden, wenn ich sie Hn. Grabau4, welcher gegenwärtig verreist ist, u. dessen Sohn5 in Verden vorgelegt habe.
Meine hiesigen Beschäftigungen beschränken sich hauptsächlich auf Unterrichtgeben, da ich mit dem Theater, welches seit 6 Monaten nur auf je 16 Vorstellungen unter Leitung einiger Schauspieler kümmerlich6 fortbesteht, in keiner Verbindung bin.
Was unsere Abonnements-Concerte betrifft, so werden Sie wohl wissen, was im Allgemeinen von öffentl. Berichten7 zu halten ist. Der Bremer Referent muß entweder keine guten Kapellen gehört haben, oder auch deren Leistungen nicht zu würdigen wissen. Unser Orchester ist sogar der Zahl nach zu schwach zu ordentlichen Effecten, u. das Quartett steht in gar keinem Verhältniß zu den Blasinstrumenten. Unter anderm besitzen wir nur scheinbar zwei Bratschisten, da einer derselben an Altersschwäche leidet.
Mit der Bitte, daß Sie meinen Eifer bei der Subscriptions-Sammlung nicht nach dem Erfolge beurtheilen mögen, empfiehlt sich Ihnen,
unter Versicherung der aufrichtigsten Hochachtung

Ihr Ergebener
H. Mühlenbruch

Meine Frau empfiehlt sich angelegentlichst.

Erwähnte Personen: Grabau, Georg
Grabau, Leberecht
Riem, Friedrich Wilhelm
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835061540

http://bit.ly/2MmOUqs

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf die im an Mühlenbruch gerichteten Exemplar derzeit verschollene Subskriptionseinladung, 14.05.1835. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Mühlenbruch an Spohr, 24.07.1835.

[1] Über der Zeile eingefügt.

[2] Des Heilands letzte Stunden.

[3] Über der Zeile eingefügt.

[4] Leberecht Grabau.

[5] Georg Grabau.

[6] „kümmerlich“ über der Zeile eingefügt.

[7] Vgl. „Bremen, im April 1835“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 37 (1835), Sp. 313f. und 395f.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (31.05.2019).