Autograf: Leicester and Rutland Record Office Leicester, Sign. DE1274/2/p.111

Wohlgeborner,
Hochgeehrter Herr

Indem ich mir die Freiheit nehme Ew. Wohlgeb. beyliegend eine Einladung zur Subscription auf mein neues Oratorium zu übersenden, verbinde ich damit die ergebenste Bitte, dieselbe bey den Mitgliedern des dortigen Gesangvereins und andern Freunden von der Vokalmusik cirkuliren zu lassen und sich der Einsammlung von Unterschriften gütigst unterziehen zu wollen, für welch Mühwaltung ich bey 6 Unterschriften ein Freiexemplar zu geben, mich erbiete.
Mit vorzüglichster Hochachtung habe ich die Ehre zu seyn

Ew. Wohlgeb.
ergebenster
Louis Spohr 

Cassel, den 16ten Mai
1835.1

NS. Indem ich Sie nun, geehrter Herr u Freund ergebenst bitte, sich in Prag für das Unternehmen gütigst interessiren zu wollen, wende ich mich, überzeugt daß Sie alles dort, was diese Musikgattung treibt und liebt kennen, an weiter niemand. Ist Ihnen meine Bitte beschwerlich, so schreiben Sie die Zudringlichkeit derselben Ihrer Freundlichkeit und nicht meiner Unbescheidenheit zu.
Die Aufführung des Oratorium am Charfreitage hat mir g[roße] Freude gewährt, zu erst wegen der großen Theilnahme unseres Publikums, die in dem Maaße keines meiner frühern Werke zu Theil wurde, hauptsächlich aber, weil ich den Effekt einiger neuer Kombinationen in der Instrumentierung über meine Erwartung fand. Dazu gehört zu erst ein großer Chor, in welchem das Erdbeben und der Aufruhr der Elemente nach der Kreuzigung durch die Instrumentierung gewolt ist. Zu dem Ungewöhnlichen derselben gehören 6 Paar Pauken von 2 Leuten geschlagen und die Orgel, diese jedoch nur ad libitum. Hier war sie von ungeheurer Wirkung, obgleich mit Ausnahme der wenigen Zuhörer, die sich auf dem Orgelchor befanden, niemand ihr Mitwirken bemerkt hat; und doch hatte2 ich alle 16 – 8 und 4 füßigen Register3 ziehen lassen. Sie trifft aber nun im stärksten Forte mit den Chormassen ein und diese sind so in Figuren der Geigen und Bässe eingewickelt, daß man zwar die ungewöhnliche Tonfülle fühlt, aber den Orgelton nicht mehr heraushört.4 Ein 2tes Musikstück, was im Gegensatz mit diesem, auf das Publikum einen tiefen Eindruck zu machen schien, ist eine Arie der Maria, mit obligater Harfe, Violine, Violoncell und Horn.5 Ein 3tes, eine eigenthümlich instrumentirte Arie des Judas Ischariot von leidenschaftlichem unruhigem Charakter.6 Am meisten war ich aber auf die Wirkung gespannt, die die besondere Behandlungsweise der Worte Jesu am Kreutz, und der Moment seines Verscheidens machen würden.7 Da dieß ohne Zweifel die schwerste Aufgabe8 für den Komponisten im ganzen Oratorium war, un[d] ich darf sagen, daß auch diese über meine Erwartungen wa[r]. Eine Beschreibung dieser Stelle läßt sich nicht gut geben, doch Sie werden ja, wenigstens den Clavierauszug, nun bald selbst ansehen können. – Die Charfreitags-Aufführung9 hat den Leuten so sehr gefallen, daß eine Wiederholung des Oratoriums am 1sten Pfingsttage allgemein verlangt wird. Diese veranstalte ich gern, da nun diese Zeit immer viele tausend Freunde hier anwesend sind, die dann mit dem Werk bekannt werden können.
Nach Pfingsten werde ich eine Ferienreise den Rhein herunter nach Holland machen und wenn das Wetter günstig ist, einige Wochen Seebäder nehmen.
Unter den herzlichsten Grüßen an Ihren würdigen Herrn Vater10 mit wahrer Freundschaft ganz der
Ihrige L. Spohr

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835051601

http://bit.ly/2EJ7stN

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Kleinwächter an Spohr, 06.08.1834. Kleinwächters Antwortbrief ist nur teilweise erhalten und entstand vermutlich ab dem 17.07.1835.

[1] Bis hier außer Datum und Unterschrift lithografierter Text der Subskriptionseinladung.

[2] „und doch hatte“ über gestrichenem „obgleich“ eingefügt.

[3] Hier gestrichen: „hatte“.

[4] Vgl. Des Heilands letzte Stunden. Oratorium in zwei Theilen, Kassel 1835 [Klavierauszug], S. 104-126.

[5] Vgl. ebd., S. 84-88.

[6] Vgl. ebd., S. 24-27.

[7] Vgl. ebd., S. 75.

[8] „Aufgabe“ über gestrichenem Wort eingefügt.

[9] Zur Aufführung am 17.04.1835 vgl. Spohr an Friedrich Rochlitz, 20.04.1835.

[10] Ignaz Kleinwächter.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (08.03.2019).