Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,164
Druck 1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 56f. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 2: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 299f.

Leipzig, d. 8ten April, 1835.

Lassen Sie mich kurz seyn, geehrter Herr und theurer Freund! Lassen Sie mich kurz seyn, denn ich bin traurig und möchte Sie nur fröhlich machen, immer, und jetzt allermeist.
Seit der Frühling so ungewöhnlich zeitig und zuletzt auch so ungewöhnlich freundlich um mich her zu grünen angefangen hatte, (ich wohne mit schöner Aussicht weit in’s Feld) kehrte der Wunsch, den Charfreytag bey Ihnen1, mit Ihnen, durch Sie schön zu verleben, doppelt lebhaft wieder bey mir ein, und ich machte Anstalt zur Vorbereitung. Mein gichterischer Zustand war nicht besser, doch auch nicht schlimmer geworden; die Beschwerden, von so sehr langem Zimmersitzen2 (eben heute vollende ich dessen 16te Woche) hatten freylich sehr zugenommen, und wie gern ich auch alles gelassen ertragen: die, weniger wohl noch hierdurch unmittelbar, als mittelbar, von Seiten eines höchsgerezten Nervensystems herbeygeführten, öfters schlaflosen Nächste – wollten sich kaum noch also ertragen lassen – – Da trat schön Wetter ein; ich fuhr in den Mittagsstunden, und ging in ihnen aus – ejnes schon vier-, dies schon fünfmal; ich fühlte mich gestärkt und innig erfreut, obgleich Geschulst und Schmerz der Füße sich sehr mehrten; ich betrachtete meine Wanderungen als Vorübungen zur Reise nach Cassel; der Arzt ließ das mit ehrlichem Gesicht mir gelten: da trifft mich am letzten Sonntage, so unerwartet und so unverdient, auch so plötzlich, ein unglückliches Ereignis, das ohne Schrecken und große Alteration überhaupt zu erfahren gar nicht möglich war: und seit dem Sonntag bin ich geistig und körperlich kränker, als diesen ganzen Winter jemals. So kann mir der, in diesen doppelt stillen und einsamen Tagen wahrhaft ersehnte Charfreytag keine Freude bieten, außer im Andenken an seinen Gegenstand, dessen würdige Feyer, wozu ich beytrage, und in angenehmer Hoffnung, bald von Ihnen zu erfahren, wie Alles sich bey Ihnen u. durch Sie gestaltet, wie das Publikum das Werk aufgenommen, u. ob Production und Aufnahme Sie recht glücklich gemacht haben. –

Treulich ergeben,
Rochlitz.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Kassel
Leipzig
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835040836

http://bit.ly/2fnVMQp

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rochlitz, 19.03.1835. Spohr beantwortete diesen Brief am 20.04.1835.

[1] Zur Uraufführung von Des Heilands letzte Stunden.

[2] Bei „Zimmersitzen” der letzte Buchstabe „s” gestrichen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2016).