Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Mein verehrungswürdigster Gönner und Lehrer!

Mt welcher inniger Trauer mich Ihr harter Verlust, den das Schicksal Ihnen jüngst bereitet, erfüllt hat, das bedarf wohl nicht der Betheuerung. Wer die Dahingeschiedene1 kannte und das reizende innige Verhältnisse welches zwischen Ihnen und derselben statt fand, den wird dieser Trauerfall doppelt ergriffen und betrübt haben. –
Zürnen Sie mir nicht, daß ich von Neuem jene tiefe Wunde wieder aufreiße, aber ich konnte dieß Ereigniß nicht unberührt vorüber gehen lassen, weil es mir selbst zu nahe gegangen ist. Ich habe zwar nie das Glück gehabt der Dahingeschiedenen nahe zu stehen, allein doch nahe genug um sie bewundern und verehren gekonnt zu haben. –
Es ist schon ziemlich lange her, daß ich Ihnen, mein Wohlthäter kein Lebenzeichen von mir gab, und längst schon machte mich eine innere Stimme, der ich jedoch um2 jenes traurigen Ereignisses Willen nicht Gehör gab. Daß ich nicht aufgehört habe, Ihnen mit tiefer Verehrung, treuer Anhänglichkeit und Dankbarkeit zu gedenken, dürfen Sie wohl überzeugt sein. Jede Gelegenheit diese Gesinnungen durch die That zu bekräftigen ergreife ich mit freudigem Herzen; zwar gibt es keinen andern [???], als daß ich mich Ihren Tonwerken mit aller Liebe hingebe, und das geschieht oft. Morgen findet das 1ste Concert statt, worin keine Piece von Ihnen gemacht wird, aber nur aus dem Grunde, weil es im Theater statt findet wo es über alle Begriffe schlecht klingt. – Von all Ihren Tonwerken habe ich mir Partituren theils selbst, theils anfertigen lassen. Auf meiner im vorigen Jahre unternommenen Reise stieß ich unter vielen Verehrern von Ihnen, auch auf einen, der mir recht werth geworden ist, den jungen Kleinwächter in Prag. Wir schlossen binnen recht kurzer Zeit ein recht inniges Freundschaftsverhältniß; aber wer war das Bindungsmittel? Sie mein Gönner! Durch Sie, durch Ihre Töne und durch die Liebe und Verehrung mit welcher sowohl Kleinwächter als ich Ihnen ergeben sind, waren wir sehr lange mit einander befreundet(???) gewesen. – Unter all den Annehmlichkeiten die mir jene Reise in so mancher Beziehung darbot, war mir diese Bekanntschaft eine der vorragendsten.
Heute bin ich auch so dreist, Ihnen einen meiner liebsten Freunde den H Eduard Möller Kaufmann zu Bremen vorzustellen. Ich würde es für eine Sünde halten, Sie mit Vorstellungen der Art von Menschen zu belästigen die nur ihre Neugier befriedigen wollen; bei meinem Freund ist dem anders. Er gehört gleich mir zu Ihren wärmsten Verehrern, spielt selbst recht brav Violine und gehört zu den wenigen Dilettanten welche die Kunst nicht um damit zu renommiren, sondern um der Kunst Willen treiben. Er ist sicherlich einer der eifrigsten und treuesten Dilettanten unsers Instruments. Auch ist er im Besitze einer wunderschönen Stradivarius-Violine welche er durch mich bekommen hat. Als ich sie ihm überließ, da stellte ich‘s ihm frei ob er meine von Müller in B.3 gekaufte, oder diese, welche er anjetzo(???) besitzt zu haben wünschte. Sie können daraus schließen daß das Instr. gut sein muß. Mein Freund ist ein Schüler Ochernals von dem er Ihnen wohl manches mittheilen kann. Sicher würde Ochernal H Möller Ihnen vorgestellt haben, hinderte ihn seine große Blödigkeit nicht daran. Es ist schon geraume Zeit, daß ich Ochernal nicht hörte, aber die Menschen, oder besser das mus. Publicum, reden(?) viel Gutes über sein Spiel. Nur erlauben Sie mir noch die dringende Bitte um eine wohlwollende Ausnahme meines werthen Freundes der sich schon so lange zu Ihrer Bekanntschaft gefreut hat.
Alle Zeit mit treuer Anänglichkeit und tiefster Dankbarkeit

Ihr
ergebenster
August Pott.

Oldenburg, d 1. Ap. 1835.

Herr Möller gehört zu den ersten Häusern Bremens.

Autor(en): Pott, August
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Möller, Eduard
Müller, Karl (Vater)
Ochernal, August
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835040137

http://bit.ly/3nx2Ewf

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Pott an Spohr, 02.02.1834. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Spohrs erste Ehefrau Dorette starb am 20.11.1834.

[2] Hier gestrichen: „aus“.

[3] „in B.“ über der Zeile eingefügt. Wohl der Braunschweiger Hofkapellmeister Karl Müller.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (17.11.2020).