Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,163
Druck 1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 55f. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 2: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 298f.

Leipzig, d. 14ten März 1835.

Geehrter Herr und Freund!

Schon heute, nach langer Conferenz mit meinem Arzte, kann ich Ihnen die Nachricht geben, daß ich, leider, auf die große Freude, Ihr Werk, durch Sie selbst einstudirt und geleitet, zum erstenmale zu hören und bey dieser Gelegenheit auch in Ihrer Gesellschaft das viele Merkwürdige und Schöne, was Cassel mit seinen Umgebungen bitet, gleichfalls zum erstenmale zu sehen – gänzlich Verzicht leisten muß. Selbst im eignen Lohnwagen, bey dreytägiger Hin- und dreytägiger Herreise, kann der Arzt seine Einwilligung nicht geben und ich muß seinen Besorgnissen beypflichten; denn, Anderes unerwähnt, meine gichtgeschwollenen Füße, die noch heute sind, wie seit dreizehn Wochen, nur nicht mehr mit so heftigen Schmerzen, und da Unbestädige jedes rühen Frühlings, besonders des jetzigen, wo die Geneigtheit zu Gewittern so offenbar und dann jederzeit, lange, bis zum Sommer, fortdauernd ist: schon dies Beydes müßte mich zurückhalten. Genießen Sie daher jenen Tag recht vollgültig, und genießen ihn doppelt, nämlich zugleich für mich: Meiner dabey gedenken; das werden Sie müsen; aber mir dann eine möglichst aufrichtige und bestimmte, auch in Einzelne eingehende Nachricht darüber geben: das, hoff’ ich, werden Sie wollen und thun.
Wie ich eben gewohnt bin, an jedes Aufgeben einer werthen, langgehegten Hoffnung – will sichs irgend thun lassen – eine neue, wenn auch nicht so gewichtige anzuknüpfen: so mache ich es auch hier. Ich muß den Monat Julius in einem Bade verleben. Bin ich dann einmal im Wagen und sind Sie dann in Cassel: so komme ich (Gesundheit vorausgesetzt) zuverläßig dahin, wenn auch auf Umwegen; und dann genieße ich mit Ihnen, freylich nicht, was ich zunächst suchte, doch aber Alles, was es dort für mich zu genießen giebt. Ja, es fliegt so eben mir noch ein Zweytes durch den Kopf. Sie haben durch Ihre neueste Symphonie1 das alte, wohlbegründete Verhältnis ausgezeichneter Hochachtung und dankbarer Anerkennung aller Leipziger Musikfreunde gegen Sie, von neuem angefrischt. Wie wäre es, wenn Sie gleich nach der Michaelismesse Ihr Oratorium hier im Concerte aufführten?
Ich werfe diesen Gedanken jetzt nur hin: später wird sich mehr darüber sagen lassen, und, wie ich mit Zuversicht hoffe, mündlich.
Hochachtungsvoll u. freundschaftlich ergeben,

Rochlitz.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: Kassel
Leipzig
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835031436

http://bit.ly/2fA4JJZ

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Rochlitz an Spohr, 24.02.1835. Spohr beantwortete diesen Brief am 19.03.1835.

[1] Die Weihe der Töne.

Kommentar und Verschlagwortung, sofern in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (03.11.2016).