Autograf: Sammlung Clive Brown
Beleg: Catalogue of the Collection of Works of Art presented to the British Red Cross Society and the Order of the Hospital of St. John of Jerusalem in England [...] (= Katalog Christie, Manson & Wood), London 1918, S. 243

Sr. Wohlgeb.
Herrn J. Rosenhain
Musiklehrer
in
Frankfurt a/m

franco.


Cassel den 6ten März
1835.

Hochgeehrtester Herr,

Bey der Ansicht des Buches Ihrer Oper bemerkte ich mit Erschrecken, daß der Inhalt derselben völlig gleichlautend mit dem eines hier oft gegebenen beliebten Lustspiels1 ist und befürchtete gleich, daß dieß ein Hindernis der Annahme seyn würde. Wirklich weigern2 nun die übrigen Mitglieder der Direction die Annahme der Oper, da jenes Lustspiel noch immer auf dem Repertoire ist und wegen der Virtuosität, mit der die Rolle des Crescendo gegeben wird, auch noch eine Zeitlang darauf bleiben wird. Ich muß daher bedauern, Ihrem Wunsche, die Oper hier gegeben zu sehen, nicht genügen zu können.
Was nun die Komposition betrifft, die ich genau und mit vielem Interesse durchgesehen habe, so beurkundet sie unbezweifelt ein ausgezeichnetes Talent für diese Kompsitionsgattung; doch verhehle ich Ihnen nicht, da Sie ein aufrichtiges Urtheil begehren, daß sie auch manche Mängel hat, die Sie bey einer folgenden Arbeit der Art vermeiden müssen. Zuerst sind es die häufigen Härten in der Harmonie, ja selbst fehlerhafte Fortschreitungen in dieser und in der Stimmführung; dann undramatische Wortwiederholungen und solche gegen den Sinn, so wie falsche Betonung der Sylben und endlich, jedoch seltener, eine unpssende und dadurch efektlose oder den Gesang störende Instrumentirung. Gern mögte ich nun das Gesagte mit Beyspielen belegen, daoch fehlt mir dazu jezt Raum und Muße. Da ich aber im Frühjahr nach Frankfurt komme, so werde ich dann gern, wenn Sie es wünschen, die Oper mit Ihnen aufs genaueste durchgehen und mich über das eben berührte weiter auslassen.
Die Partitur werde ich Ihnen mit einer der nächsten Fahrposten wieder zurückschicken, es sey denn, daß Sie mir etwa eine andere Bestimmung für dieselbe anzeigten.
Mit vorzüglicher Hochachtung

Ew. Wohlgeb.
ergebenster
Louis Spohr.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Rosenhain, Jacob : Der Besuch im Irrenhaus
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835030615

http://bit.ly/2GriKD3

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Rosenhain an Spohr. Spohr hatte Rosenhain in einem Brief an Wilhelm Speyer, 30.01.1835 gebeten, ihm die Partitur von Rosenhains Oper Der Besuch im Irrenhaus zur Ansicht zu schicken.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2] Hier gestrichen: „sich“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.01.2018).