Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr, L. 20
Inhaltsangabe: Verzeichniss der von dem verstorbenen Preussischen General-Lieutenant J. von Radowitz hinterlassenen Autographensammlung, nunmehr Eigenthum der Königl. Bibliothek in Berlin, Bd. 3, Berlin 1864, S. 693.

Sr. Wohlgeb.
Herrn Anton Forstboom
in
Frankfurt a/m

franco.


Cassel den 27sten Febr.
1835.

Wohlgeborner,
Hochgeehrtester Herr,

Ew. Wohlgeb verzeihen gütigst, wenn ich Sie, als neu erwählten Theaterdirector mit einer, auf diese neue Würde Bezug habenden Angelegenheit behellige. Es ist mir aus ganz zuverlässiger Hand die Nachricht geworden, daß Herr Kapellmeister Guhr das neue deutsche Theater des Herr Stunz in Paris1 mit den deutschen Opern versorgt und daß in diesem Augenblick bei dem Kopisten Koehl (,Bockenheimer Gaße Nro 121') die Partituren von meiner Jessonda und Marschner’s Templer und Jüdin abgeschrieben werden, wozu Herr Guhr die Partituren und das Papier geliefert hat.2 Daß bisher Copisten und Souffleure dergleichen Diebereien häufig betrieben, ist leider eine bekannte Sache; daß sich aber ein Kapellmeister dazu hergiebt und seine Collegen so um ihren wohlverdienten Lohn prellt, ist wirklich unerhört! Ich kann mir nun erklären, warum Herr Stunz, der sich sowohl an mich3 , wie an H Marschner wegen unserer Opern gewandt hatte, gar nichts mehr von sich hören ließ, da ihm von unserm würdigen Collegen in Frankfurt solche Offerten gemacht worden sind! Dadurch entehrt sich dieser aber nicht allein selbst, sondern auch das Institut, dem er angehört und ich hielt es daher für meine Pflicht, Ihnen diesen Vorfall anzuzeigen, es Ihrem Ermessen überlassend, ob und auf welche Weise Sie dagegen einschreiten wollen.
Da ich im Juni, während unserer Ferienzeit eine Rheinreise zu machen gedenke, so werde ich dann die Ehre haben, Sie persönlich zu begrüßen.
Mit der Bitte, mich Ihrer Frau Gemahlin zu empfehlen, habe ich die Ehre mit vorzüglicher Hochachtung zu seyn

Ew. Wohlgeb.
ergebenst[er]
Louis Spo[hr]

Erwähnte Personen: Guhr, Carl
Köhl, August Wilhelm
Strunz, Georg Jakob
Erwähnte Kompositionen: Marschner, Heinrich : Der Templer und die Jüdin
Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Paris
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Frankfurt am Main>
Théatre Ventadour <Paris>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835022715

http://bit.ly/24Wr3ge

Spohr



[1] Der Versuch im zwischenzeitlich Théatre Nautique genannten Théatre Ventadour 1834/35 eine deutsche Opernbühne zu etablieren, misslang (vgl. „Frankreich”, in: Allgemeine Zeitung <München> (1835), S. 878; Octave Fouque, Histoire du Théatre Ventadour 1829-1879, Paris 1881, S. 59f.). Die Identifikation des im Brief genannten Herrn Stunz mit dem in Paris tätigen Georg Jakob (Jacques) Strunz erfolgt nach David Cairns, Berlioz, Bd. 2 Servitude and Greatness 1832-1869, Berkeley und Los Angeles 2000, S. 39 und 86.

[2] Vgl. Ferdinand Ries an Spohr, 24.02.1835.

[3] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.05.2016).