Autograf: Beethoven-Haus Bonn (D-BNba), Sign. HCB Br 364
Druck: Ferdinand Ries, Briefe und Dokumente, hrsg. v. Cecil Hill (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn 27), Bonn 1982, S. 667ff.

Herrn Kapellmeister Spohr
Wohlgeb.
in
Cassel
Hessen


Frankfort a/m 24 Feb. 1835

Mein werther Freund!

Leider kann ich diesen Brief nicht anfangen, ohne Ihnen zu sagen, wie sehr tief alle Ihre hiesigen Freunde, worunter Sie mich gewiß zählen, Ihren schrecklichen Verlust1 gefühlt und bedauert haben. Ich kenne, was es ist, ein Mitglied der Familie zu verlieren, aus Erfahrung, kein vernünftiger Trost kann man finden und geben, nur wahre2 Teilnahme hatten Sie gewiß hier hier überall gefunden – ich hoffe und wünsche Ihnen von Herzen, Sie können Ihr Unglück männlich tragen – nur Zeit kann den Schmerz lindern. Hiervon müssen wir nun abbrechen –
Mit Freunden höre ich, daß Sie wieder3 an einem Oratorium4 arbeiten und freue mich, es bald zuhören, obschon wir uns hier keine Hoffnung bey unsrem Caecilien Verein machen dürfen.
Zugleich muß ich Ihnen aber über etwas schreiben, was aber ganz verschwiegen bleiben muß, woher es kommt. Ich hörte vorige Woche, daß einige Opern hier vom Kopisten des Kapellmeisters heimlich abgeschrieben werden: worunter auch die meinige wäre. Mit der Entschuldigung, etwas kopieren zu lassen, ging ich hin. Die meinige fand ich nicht (habe sie wenigstens nicht gesehen), wohl aber Ihr „Jessonda”, wo man schon im dritten Akt ist5, wie auch der „Templer und die Jüdin” – sie sind für Paris für H. Struntz bestimmt6 – und von Guhr ist die Partitur gegeben worden – wissen Sie um die Sache, gut – wenn aber nicht, so liegt Ihnen doch gewiß daran, diesen Schurkenstreich zu hintertreiben, und da seit einigen Tagen unsre Oberdirektion geändert worden ist, und sie nun in den Händen des Herrn Leers und Anton Forstboom ist, so wäre7 das beste, wenn Sie umgehend an letztern, der Ihr Freund ist, deswegen schreiben8mich mit keinem Worte berühren, sondern nur über die Schlechtigkeit sowohl9 als weniges Vertraun, was man zum hiesigen Theater haben kann, reden, daß Sie aus sichern Quellen wißen, daß die Opern hier von H. Koehl, Nr 121 Bockenheimer Gasse abgeschrieben werden, daß Sie dafür Genugthuung fordern und hoffen, daß er suchen wird, die Sache in Ordnung zu bringen, verlieren Sie aber keine Zeit, weil Sie nur auf diese Art die Beweise in Hände bekommen können.
Nun aber noch eine Bitte – der arme Notenschreiber ist ein junger, unglücklicher Mann, der eine Krankheit vor10 10 Jahren gemacht11 hat – Guhr bezahlt ihm 6 Kreuzer per Bogen und giebt das Papier (er kann aber wenig Geld bekommen)12, nehmen sie die Partitur zurück und bezahlen Sie den armen Menschen – er hat kaum Brod zu eßen und kann nicht für Guhrs Schlechtigkeit leiden.
Die zweyte Bitte ist, diesen Brief gleich zu verbrennen, indem ich nur Unannehmlichkeiten dafür haben konnte – Ihnen nichts nützen kann, mir selbst aber wenigstens schaden. Meine Oper Räuberbraut wird, wie ich höre, jetzt in Pesth einstudiert – die ist auch auf einem ähnlichen Wege durch deinen ähnlich guten Freund dahin gekommen, ich weiß aber nicht wie.
Meine Oper, „Die Nacht auf dem Libanon” ist nun ganz vollendet, können Sie nichts dazu beytragen, daß ich diese oder die zweyte „Liska, oder die Hexe von Gillenstierna” bey Ihrem Theater anbringen kann? – es wäre mir unendlich lieb, ich könnte Ihnen von beyden das Buch zur Durchsicht schicken, wenn Sie es wünschen. Der 3te ist sehr interessant und großartig; sagen mir meine Freunde keine Falschheit, so verspricht sie viel. – Wir hoffen jetzt auch wieder einige deutsche Opern zu hören und weiß Gott, wie deutsche Opern Kompositeurs bedürfen des Encouragements. Recht freuen wird es mich, bald einmal wieder etwas von Ihnen zu hören. Ihre hiesige Freunde sind alle recht wohl, Speiers Familie wieder vermehrt. Meine Frau und Kind grüßen bestens, erstere ist seit der Italiänischen Reise viel besser, leben Sie recht wohl, mit inniger Freundschaft, immer

der Ihrige
Ferd. Ries

P.S. Vergeßen Sie nicht, die Addresse des Kopisten im Briefe an H. Forstboom anzuführen, weil der Brief vielleicht weiter benutzt wird und er sogleich weiß, wo anzufassen, um den Beweis in Händen zu haben.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Ries an Spohr, 29.07.1833. Spohr beantwortete diesem Brief am 14.09.1837.

[1] Spohr Frau Dorette verstarb am 20.11.1834.

[2] „wahre“ über der Zeile eingefügt.

[3] „wieder“ über der Zeile eingefügt.

[4] Des Heilands letzte Stunden.

[5] „ist“ über der Zeile eingefügt.

[6] Der Versuch im zwischenzeitlich Théatre Nautique genannten Théatre Ventadour 1834/35 eine deutsche Opernbühne zu etablieren, misslang (vgl. „Frankreich”, in: Allgemeine Zeitung <München> (1835), S. 878; Octave Fouque, Histoire du Théatre Ventadour 1829-1879, Paris 1881, S. 59f.). Die Identifikation des im Brief genannten Herrn Stunz mit dem in Paris tätigen Georg Jakob (Jacques) Strunz erfolgt nach David Cairns, Berlioz, Bd. 2 Servitude and Greatness 1832-1869, Berkeley und Los Angeles 2000, S. 39 und 86.

[7] „wäre“ über gestrichenem „ist“ eingefügt.

[8] Vgl. Spohr an Anton Forsboom, 27.02.1835.

[9] „sowohl“ über der Zeile eingefügt.

[10] Hill transkribiert hier „von“.

[11] „gemacht“ über der Zeile eingefügt.

[12] „(er kann aber wenig Geld bekommen)“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (08.04.2019).