Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,162
Druck 1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 50ff. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 2: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 297f.

Leipzig d. 24sten Febr. 1835.

Geehrter Herr und theurer Freund!

Diesmal muß ich ganz so anfangen, wie Sie neulich: Sie haben mir durch Ihren Brief große Freude gemacht. Was kann denn Angenehmeres begegnen, als, den man ehrt und liebt, zufrieden gestellt zu sehen u. sich als Ursache davon zu erkennen? Aber ich muß hinzusetzen: fast durch jeden einzelnen Satz Ihres Briefes haben Sie mir Freude gemacht: und was weit mehr noch sagen will: durch die Gesinnung überhaupt. Wer, wie ich, von frühen Jahren an mit vielen und vielerley Menschen zu thun gehabt hat, und unter ihnen noch besonders mit1 vielerley Musikern; wer, was die Letztern betrifft, ihre Gedankenlosigkeit, Oberflächlichkeit, (außer etwa ihrer Kunst,) ihr leichtsinniges, wetterwendisches, sinnlich-phantastisches, oft genug wahrhaft abgeschmacktes Wesen – um nichts noch Schlimmeres anzuführen: wer, sag’ ich, die in der Nähe kennen gelernt hat, den muß ja innig erfreuen, erblickt er nun in einem Tonkünstler, den er von jeher aus seinen Werken2 geehrt und geliebt, jetzt im Sinn, Charakter und Leben3 den trefflichen, hochachtungswürdigen Menschen. Es muß ihn innig freuen: er kann nicht anders.
Doch genug hiervon. Ich glaube, wir kennen einander gegenseitig jetzt hinlänglich genug, um gewiß zu seyn, wie es zwischen uns steht, und daß es also bleiben könne, bleiben werde, für immer. An mir soll’s wirklich nicht fehlen.
Was den Titel des Oratoriums betrifft, so habe ich allerdings gemeint, Sie nähmen den neuen auf. Wunderlich genug ist es aber, daß ich ihn nicht mehr weiß und meinen Text nicht befragen kann4, da ich ihn im Unmuth über das, was nun vorüber ist, vor mir selbst unter meine vielfältigen Papiere versteckt habe und nun nicht zu finden vermag5. Angemessen wird er aber seyn, dieser Titel; und Sie selbst finden ihn so. Doch wünschen Sie einer möglichen Verwechselung zu begegnen. Dann könnten Sie das Werk überschreiben: Jesu letzte Leidensstunden. Wählen Sie zwischen beyden nach eigener Einsicht.
Daß es bey meiner Weygerung bleibe, das Werk auch von meiner Seite einigen Fürsten zuzusenden: das werden Sie mir nicht mißdeuten. Aber warum wollen Sie sich dies versagen und den rechtlichen, nicht im Geringsten herabsetzenden Vortheil, den es Ihnen verschaffen könnte? Ich dächte, Sie thäten das. es hält Sie doch nicht ab, daß Sie das Werk einem Andern widmen wollen: was sich wirklich damit nicht gut vertrüge? Ich dächte, Sie thäten das. Es hält Sie doch nicht ab, daß Sie das Werk einem Andern widmen wollen: was sich wirklich damit nicht gut vertrüge? Ich soll dieser Andere seyn. Wahrlich, ich weiß diesen Vorsatz, der auch vor der Welt mich ehren würde, zu schätzen und zu verdanken. Aber, theurer Freund, indem Sie mir ihn ausgesprochen, haben Sie ihn auch schon erfüllt; und die Welt – was man nun so nennt – ist mir mit all’ der Ehre, die sie giebt oder nimmt, gleichgültig geworden. Ich leiste ihr, was ich vermag, weil ich meyne, es könne ihr nützen oder sie erfreuen oder beydes zugleich. In Jahr und Tag werden Sie, erhält mir Gott das Leben, den besten Beweis kennen lernen, den ich jemals habe liefern können. Ob sie, was ich ihr geboten oder noch biete, annehmen, oder wie sie damit und mit mir selbst verfahren wolle: das kümmert mich nicht und wird mich niemals kümmern – – Ich führe dies alles nur an, damit Sie sich durch jenen Gedanken in gar nichts stören lassen; da Sie ihn einmal ausgesprochen, nicht etwa eine Mißdeutung oder gar Mißbilligung für möglich halten u. dgl., sondern in dieser ganzen Angelegenheit so verfahren, wie es Ihnen gefällt oder rathsam scheint.
Von meinem Besuche zum Charfreytage kann ich nur wiederholen: er ist mein ernster Vorsatz und meine frohe Hoffnung, die durch alles das, was Sie mir jetzt freundschaftlich versprechen, noch viel mehr an Reiz gewinnt. Aber meine Fußgicht, die nun in die zehnte Woche, obschon jetzt nicht mehr so arg, als früher, rumort und sticht und brennt[,] diese, und die Witterung haben wichtige Worte drein zu reden. Darum wird es am besten seyn, wir überlassen die Sache bis auf Weiteres dem Geschick, halten aber den Vorsatz und die Hoffnung fest. Daß ich eine Nacht unter Weges bleiben muß, ist, wie ich auch mein Fortkommen anordne, in mehr als einer Hinsicht von einiger Bedenklichkeit. Doch dies allein soll zuverläßig mich nicht abhalten.
Hochachtungsvoll und freundschaftlich ergeben,

Rochlitz.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835022436

http://bit.ly/2fjORYw

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rochlitz, 18.02.1835. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Rochlitz an Spohr, 14.03.1835.

[1] „mit” über der Zeile eingefügt.

[2] „aus seinen Werken” über der Zeile eingefügt.

[3] „Leben” über unleserlich gestrichenem Wort eingefügt.

[4] „kann” über der Zeile eingefügt.

[5] „vermag” über unleserlich gestrichenem Wort eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, sofern in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.09.2016).