Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,161
Druck1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 48f. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 2: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 295f.

Leipzig, d. 14ten Febr. 1835.

Geehrter Herr u. Freund!

Endlich muß die Angelegenheit zwischen uns zum Abschluß. Bey wahrer Achtung und Zuneigung des Einen gegen den Andern, von der auch Jeder von dem Andern überzeugt ist, quälen wir einander – und um was? um Etwas, das Jeder für sein Bestes hält, woran er sein Bestes gesetzt, das er nur darum unternommen und durchgeführt hat, damit die Summe des Guten, Schönen, Würdigen auf Erden um eine Nummer vermehrt werde, hiermit empfänglichen Brüdern und Schwestern – wenn auch ohne ihren Dank – Freude bereitet sey, und, wenn sie wollen, fromm-erhebende Freude, hiermit ihnen genützt werde, und, wenn sie wollen, aufs Heilsamste genützt: darum quälen wir einander! Das soll und muß zu Ende. Wie das aber? Ihr gestern Abends empfangener Brief (vom 11ten Febr.) überzeugt mich durch seine gelassene Fassung, ruhige Beharrlichkeit und unverkennbare Zuneigung, wie zu dem ernsten Gegenstande, so auch zu mir – er überzeugt mich, Sie müssen und werden bey Ihren Ansichten und Urtheilen bleiben. Ich habe den größten Theil der Nacht mit nochmaliger strenger Prüfung der meinigen zugebracht und bin nun – ich schreibe früh gegen fünf Uhr – von neuem in den meinigen bestätiget. Was nun? Ich sehe nur ein einziges Entweder-Oder. Entweder: es muß jede öffentliche Bekanntmachung des Werkes unterbleiben. Wie? unter den oben angeführten Umständen? Das sey ferne! Oder: Einer von uns Beyden muß ein Opfer bringen. Wohl! Der will ich seyn! Ich bin – was und wie auch sonst – doch der ältere Freund; der durch schwierige Schulen geführte; ich habe auch gewohnter werden müssen, aufzugeben – nicht etwa nur, was ich am meisten gewünscht und geliebt, sondern auch, was ich, ohne alle Rücksicht auf mich selbst, für gut überhaupt und für das beste Resultat redlicher Bemühungen gehalten habe. So will ich denn men Opfer bringen; und damit es vollständig geschehe, auch (hoffentlich) Ihenn Freude mache, schweigend.
Darum setze ich auch nichts weiter hinzu, sondern erwähne nur ruhig und kurz, was aus Verstehendem zwar von selbst sich ergiebt, doch zu weitern Discussionen Ihnen Veranlassung geben könnte:

  1. Sie werden ohne Zweifel zur Verbesserung des alten Textes durch den neuen Alles benutzen, was (besonders auch in Hinsicht auf Sprache, Wohlklang der Verse u. dgl.) sich benutzen läßt, ohne daß Wesentliches in Ihrer Musik geändert werden müßte. Wie leicht kann dies geschehen, z.B. in den Recitativen! Und wer würde nicht1 das Geringere von sich weisen, wenn er das Bessere haben kann, selbst2 mit wenig Mühe und ohne Eintrag seiner Sache?

  2. Da der frühere, im Wesentlichen beybehaltene Text längst dem Publikum hingegeben war, mithin von mir nicht mehr schicklich als ein gewißermaßen Neues dargeboten werden kann: so entsage ich alle dem, was ich früher Herrn Mendelssohn, nun durch diesen Ihnen mitgetheilt über gemeinschaftliche Zusendung an Große der Erde u. dgl. Verfahren Sie in dieser Hinsicht gänzlich nach Ihrer Einsicht, Wohlmeynung und Gelegenheit.

  3. Ich wünsche über das ganze Unternehmen, bis es öffentlich hervorgetreten nichts weiter zu erfahren, außer, daß Sie zufrieden seyen mit dem, was ich heute geschrieben.

  4. Gern möchte ich das Werk, wie es nun ist und wird, zuerst in vollständiger Ausführung kennen lernen und zu dieser nach Cassel kommen. Diese wird aber wohl schon vor Ostern statthaben? Da dürfen wir schwerlich auf andauernd-warme Frühlings-Witterung, und ohne diese darf ich schwerlich auf Befreyung von meiner Fußgicht hofen. Sollte es wider Vermuthen anders werden, so komme ich. Sonst aber werden Sie die Gefälligkeit haben, mir eins der ersten gedruckten Exemplare des Klavierauszuges zuzusenden.

  5. Gott gebe am Werke Ihnen viele Freude: Andern, außer dieser, auch vielen Nutzen! Ich hoffe auf Beydes auch für mich.


Hochachtungsvoll und freundschaftlich ergeben,
Rochlitz.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835021436

http://bit.ly/2cCyYgh

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rochlitz, 11.02.1835. Spohr beantwortete diesen Brief am 18.02.1835.

[1] „nicht” über der Zeile eingefügt.

[2] „selbst” über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.09.2016).