Autograf: nicht ermittelt
Autografer Entwurf: Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv, Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,198
Druck 1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 43. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 2: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 294f.

Geehrter Herr u Freund!

Bevor ich Ihr geehrtes Schreiben vom 29sten Jan. beantworten konnte, mußte ich mir1 eine Abschrift2 Ihres Briefes an Herrn Mendelssohn, die Dedikation betreffend, erbitten3, da die Nachschrift Ihres Schreibens an mich ohne diese mir unverständlich ist4. Dieser Aufschub der Beantwortung Ihres letzten Schreibens war mir5 sehr willkommen, weil ich hoffte, längeres Nachdenken würde mir einen Ausweg zeigen, wie diese Angelegenheit zu Ihrer Zufriedenheit beendigt werde könnte. Denn es betrübt mich,6 wie schon gesagt, aufs höchste, daß ich dieses Mal meine Ansicht, wie ich es so gern thäte und bisher zu thun gewohnt war, nicht7 der Ihrigen unterordnen kann. – Um auch die Ansicht eines andern, zwar noch jungen, aber gewiß8 denkenden Künstlers kennen zu lernen,9 machte ich Herrn M. mit dem Streitpunkt bekannt und bat ihn um seine Ansicht über10 die Behandlungsweise der Worte Jesu. Seine Antwort zeigt mir, daß11 diese ganz12 mit der meinigen zusammentrifft und daß er bey der dramatischen Form des Gedichts eine andere als die von mir gewählte13 ebenfalls nicht für möglich hält. Seine Bemerkungen schließen mit den Worten „ich denke, was ein rechter Musiker mit Andacht und14 von Herzen hinschreibt, das wird keine Profanation seyn, ob es nun Solo oder Chor oder was sonst seyn mag.”
Mit dem Briefe des H. M. zugleich erhielt ich zugleich den Ihrigen vom 6ten Febr.15, der mir abgesehen von seinem erfreulichen Inhalt, schon deshalb große Freude machen mußte16, weil er meine frühere17 Vermuthung bestätigt, daß Ihre vorhergehenden Briefe an mich18 trotz Ihrer Gegenversicherung19 doch nicht ohne gereizte Stimmung20 geschrieben waren21. Manches, was darin22 mich kränkte und betrübte, erscheint mir nun23 in einem andern Lichte.24 Und so darf ich25 nach der26 letzten gütigen27 Zuschrift nun wohl hoffen, daß Sie an dem Werke, wie es jetzt vorliegt, freundlichen Antheil nehmen und die Art der musikalischen Auffassung ganz der Verantwortung des Komponisten überlassen werden. Hätten Sie (woran ich zweifeln muß) die Partitur durchgesehen, so dürfte ich hoffen, daß Sie schon jetzt mit jener28 ausgesöhnt sein würden, denn ich glaube29 (wie Mendelssohn sagt30) mit Andacht und von Herzen geschrieben zu haben. Wenigstens wird diese Komposition von allen meinen hiesigen musikalischen Freunden (obgleich sie31 sie32 nur am Clavier gehört haben) für meine beste gehalten.
Habe ich mich nun in meiner obigen Voraussetzung nicht getäuscht, so würde es mich sehr33 freuen, wenn wir auf die, von Ihnen Herrn M. vorgeschlagene Weise, gemeinschaftlich für die Verbreitung des Werkes thätig seyn könnten. Ich bin daher gern bereit34, bey den hiesigen Gesandten (in so fern es durch diese zu erlangen ist), die nöthigen Schritte35 zu thun, um die Erlaubniß zu unserer gemeinschaftlichen Zusendung des Gedichts36 an die genannten hohen Häupter zu erlangen. Über das Nähere würde ich dann noch Ihren gefälligen Vorschlägen entgegen sehen. – Doch wünschte ich, daß solche Zusendungen bald geschehen könnten, weil ich den Clavierauszug spätestens37 im nächsten Herbst herausgeben38 mögte.
Nun noch schriftlich meinen herzlichen39 Dank für die40 wohlwollende Beurtheilung meiner Sinphonie.41 Ich hatte bereits ähnliche Zuschriften nach den Aufführungen derselben42 in Breslau43, Berlin und Wien erhalten, doch keine hat mich begreiflicher44 Weise so erfreut als die Ihrige, so wie45 Ihr Beyfall stets der schönste Lohn46 meines Strebens war.

Erwähnte Personen: Mendelssohn Bartholdy, Felix
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: Berlin
Breslau
Wien
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835021106

http://bit.ly/2cU0Fi0

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Rochlitz an Spohr, 29.01.1835 und 06.02.1835. Das Datum dieses Briefs ergibt sich aus der Erwähnung in Rochlitz’ Antwortbrief vom 14.02.1835.

[1] „mir” über gestrichenem „mich” eingefügt.

[2] Hier ein gestrichenes Wort („in”?).

[3] Spohrs Brief an Felix Mendelssohn Bartholdy, 03.02.1835 ist derzeit verschollen; Mendelssohn teilte Spohr im Antwortbrief vom 05.02.1835 die entsprechenden Auszüge aus einem Brief von Rochlitz an Mendelssohn mit.

[4] „ unverständlich ist” über gestrichenem „nicht zu [???] wußte”. Danach gestrichen: „Es war eine”.

[5] „war mir” über der Zeile eingefügt.

[6] Hier gestrichen: „auf das höchste(?)”.

[7] „ zu thun gewohnt war, nicht” über und neben gestrichenem „immer willig that” eingefügt.

[8] „gewiß” über der Zeile eingefügt.

[9] Hier gestrichen: „theilte ich Herrn Mende”.

[10] „über” über der Zeile eingefügt.

[11] Hier zwei Wörter gestrichen („er [???]”?).

[12] Hier gestrichen: „auf die selbe Weise komponirt haben würde”.

[13] Hier über der Zeile vier bis fünf Wörter eingefügt und schwer leserlich gestrichen.

[14] Hier gestrichen: „begeistert”.

[15] Hier gestrichener Absatz mit ebenfalls mehrfachen Einfügungen und Streichungen, der in Inhalt und Formulierungen etwa den folgenden Zeilen zu entsprechen scheint.

[16] „machen mußte” über gestrichenem „versicherte” eingefügt.

[17] „frühere” über der Zeile eingefügt.

[18] „an mich” unter der Zeile eingefügt.

[19] „ trotz Ihrer Gegenversicherung” über der Zeile eingefügt.

[20] Hier gestrichen: „geschr (troz Ihrer Gegenversicherung)”.

[21] „waren” unter gestrichenem „sind und” eingefügt. Auf der nächsten Seite gestrichen: „wodurch nur”.

[22] „darin” über der Zeile eingefügt.

[23] „ erscheint mir nun” über der Zeile eingefügt.

[24] Hier vier Wörter gestrichen („[???] läßt] [???] ist”).

[25] Hier ein unleserlich gestrichenes Wort.

[26] „der” über gestrichenem „dieser” eingefügt.

[27] „gütigen” über gestrichenem „freundlichen” eingefügt.

[28] „jener” über unleserlich gestrichenem Wort eingefügt.

[29] „denn ich glaube” über gestrichenem „so [???] ich denn mit Zuversicht glauben, daß Sie es seyn werden, wenn Sie das Werk” eingefügt.

[30] „sagt” über gestrichenem „schreibt” eingefügt.

[31] „ obgleich sie” über einem unleserlich gestrichenen Wort eingefügt.

[32] Hier „überdieß” über der Zeile eingefügt.

[33] „sehr” über der Zeile eingefügt.

[34] „ Ich bin daher gern bereit” eingefügt über gestrichenem: „bey den genannten hohen Häuptern das Gedicht und die Partitur zusendeten”.

[35] Hier gestrichen: „für die Erlaubniß”.

[36] Hier gestrichen: „und der Partitur zu erlangen”.

[37] Hier ein unleserlich gestrichenes Wort.

[38] Hier im Wort eine Silbe gestrichen: „herauszugeben”; danach gestrichen: „gedächte”.

[39] „herzlichen” über der Zeile eingefügt.

[40] Hier gestrichen: „gütige”(?).

[41] Die Weihe der Töne.

[42] „ nach den Aufführungen derselben” über drei unleserlich gestrichenen Wörtern eingefügt.

[43] Vgl. Adolph Hesse an Spohr, 21.12.1834.

[44] „begreiflicher” über unleserlich gestrichenem Wort eingefügt.

[45] „so wie” über zwei gestrichenen Wörtern eingefügt („so würden”?).

[46] Hier gestrichen: „war”.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.09.2016).