Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,157


Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 145ff. (teilweise)

Sr. Wohlgeb
Herrn Wilhelm Speyer
in
Frankfurt a/m


Cassel den 30sten
Januar 1835.

Geliebter Freund!

Ich wußte es wohl und dachte oft daran, daß Niemand meinen Kummer inniger mitempfinden würde, als Sie und Ihre liebe Frau. Sie kannten das herrliche Weib lange genug um die ganze Größe meines Verlustes zu fassen! – Sie war meiner ganzen Existenz so verwachsen, daß ich mich noch immer nicht in den neuen Zustand zu finden weiß; denn es gab kein Geschäft und kein Vergnügen an dem sie nicht Antheil nahm; ich mag daher auch beginnen was ich will, immer fehlt sie mir. Am meisten vermogte es bisher die Vollendung einer großen Kirchenkomposition (eines Oratoriums von Rochlitz) mich auf kurze Zeit von meinem Schmerze abzuziehen; bey der großen Theilnahme die sie trotz ihrer Hinfälligkeit in den letzten Monaten ihres Lebens, für diese Arbeit gezeigt hatte, war dann aber mein Erwachen immer um so schmerzhafter und ich wurde stets an ihre, mehrmals wiederholte Äußerung erinnert, daß sie die Vollendung des Werks nicht erleben würde! ach, wie richtig war dieses Vorgefühl! Ich beeilte mich, um es Lügen zu strafen, mit der Arbeit soviel ich konnte und schon war das Ganze bis auf ein Recitativ, den Schlußchor und die Ouvertüre beendet, als die letzte entscheidende Krankheit sie auf das Bette warf. Wenige Tage vorher hörte sie noch im Gesangverein das Werk soweit es vollendet war und sprach beym Nachhausegehen mit gewohnter Klarheit über die Einzelheiten desselben. Wer hätte je denken sollen, daß sie 10 Tage später uns schon entrissen sein würde! – Wie ich wieder fähig war, um an etwas anderes als meinen Verlust zu denken, fing ich an den zweiten Teil des Oratoriums, soweit er vollendet war, zu instrumentiren; seit Neujahr habe ich dann auch die fehlenden Nummern komponirt. Was es aber für einen Eindruck auf mich machte, zum erstenmal etwas komponirt zu haben, was ich ihr nicht vorspielen konnte, läßt sich nicht beschreiben! Diese Wehmut, dieses Gefühl des Verlassenseins, ach, es ist ein trostloser Zustand!
So viele Freude ich an diesem neuen Werke auch habe und so sehr ich mich auf die erste Aufführung am Charfreitage freue, so ist es mir doch fast unangenehm, daß es vollen[de]t ist. Der Zustand zwischen einer [früher]en Arbeit und einer neuen, bis [man] an dieser Interesse nimmt, ist ein gar zu leerer und ich fühle meinen Verlust wieder doppelt schwer, da ich gewohnt war auch über die Wahl einer neuen Arbeit mich mit ihr zu beraten.
Unser körperliches Befinden ist gut. An der gewohnten physischen Pflege lassen es meine beyden Mädchen1 nicht fehlen; auch führen Sie beyde abwechselnd die Haushaltung und nehmen mir alle die Geschäfte ab, die mich von meiner Arbeit abziehen könnten. In der Hinsicht vermisse ich nichts. – Höchst wahrscheinlich werde ich in der Ferienzeit nach Frankfurt kommen und freue mich unendlich darauf Sie wiederzusehen. – Herrn Rosenhain lasse2 ich bitten, mir seine Oper zur Ansicht zu schicken; ist sie unseren Verhältnissen nicht ganz entgegen, so werde ich sie sogleich einstudiren.3
Mit herzlichster Liebe(?) den Ihrigen [L.] Spohr.

Erwähnte Personen: Rochlitz, Friedrich
Rosenhain, Jacob
Scheidler, Wilhelmine
Speyer, Charlotte
Spohr, Dorette
Spohr, Therese
Erwähnte Kompositionen: Rosenhain, Jacob : Der Besuch im Irrenhaus
Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Kassel
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835013002

http://bit.ly/1X6K5vB

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Speyer an Spohr, 23.01.1835. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 21.02.1835.

[1] Hier sind vermutlich nicht seine verheirateten Töchter Emilie Zahn und Ida Wolff gemeint, sondern seine jüngste Tochter Therese und seine Schwägerin Wilhelmine Scheidler, die beide noch in seinem Haushalt lebten.

[2] Der hier durch Siegelausriss fehlende Teil ist an der rechten Seite des Blatts noch lesbar.

[3] [Ergänzung 29.01.2018:] Vgl. Spohr an Jacob Rosenhain, 06.03.1835.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (07.03.2016).