Autograf: nicht ermittelt
Abschrift: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,200
Druck 1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 38f. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 2: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 288ff.

Cassel, am 24 Januar 1835.

Geehrtester Herr und Freund!

Ihr Brief vom 15ten dieses hat mich nicht verletzt, aber tief betrübt, weil ich daraus ersehe, daß Sie unsere Angelegenheiten weit schwerer nehmen, als ich mir denken konnte. Wie hätte ich vermuthen können, daß Sie gegen einen Text, den Sie mir vor anderthalb Jahren zur Composition selbst empfohlen, nun, nach einigen (wie mir scheint) unwesentlichen Abänderungen förmlich protestiren würden? Wie schmerzlich wird es mir daher jetzt seyn, einem Manne, den ich so verehre, und dem ich mich für eben diesen Text von neuem dankbar verpflichtet fühle, Verdruß verursachen zu müssen, den ich nicht abzuwenden weiß! Denn es ist, wie schon gesagt, ganz unmöglich, daß ich den neuen Text, obgleich ich die Arbeit nicht scheuen würde, meiner Composition anpasse, ohne diese ganz zu verderben.1 Ein Blick in die Partitur wird Sie selbst davon überzeugen. Wollte ich aber auch einige Nummern ganz neu componiren, was mir frühern Erfahrungen gemäß, gewiß nicht so gut gelänge wie das erstemal, so würden wir doch in der Hauptsache verschiedener Ansicht bleiben. Ich will nicht anführen, daß, wenn Jesus nicht persönlich redend oder singend eingeführt werden darf, er eben so wenig gemalt oder durch Meisel dargestellt werden dürfte, da es nach Ihrer Anmerkung scheint, als wenn Sie diß ebenfalls mißbilligten. Aber wie könnte in einem Gedicht wie das Ihrige, dessen Inhalt ganz dramatisch gehalten ist, und wo alle Personen der Umgebung Jesu redend eingeführt sind, das, was dieser selbst zu sagen hat, auf andere Weise gegeben werden, ohne die Einheit und Wahrheit des Kunstwerks und dadurch auch die Wirkung zu zerstören? Die von Ihnen vorgeschlagene Behandlungsweise der Worte Jesu würde sich wohl für ein erzählendes Gedicht, (wie z.B. die Passion von Bach) obgleich auch dieser kein Bedenken getragen hat Jesus singend einzuführen) eignen, aber nicht für ein dramatisch durchgeführtes wie das Ihrige. Kann man überhaupt diese Worte, wenn sie von einer Einzelperson singend vorgetragen werden, mehr profanirt finden, als wenn dis redend (z.B. vom Prediger) geschieht? Ist denn Gesang nicht etwas Edleres als Rede, und die Musik nicht die geistigste und erhabenste aller Künste? Ich kann mich daher durchaus nicht überzeugen, daß meine Absicht eine irrige sey, und mußte bis jetzt glauben, daß die Ihrige damit übereinstimme, da Sie bei unserer Unterredung vor anderthalb Jahren, wo Sie sich über die Auffassung des Werkes verbreiteten, dieses wichtigsten Punktes gar nicht erwähnten. Bei ihrer bestimmten Erklärung, daß ich entweder den neuen Text vollständig anzunehmen oder ganz bei der alten Bearbeitung zu bleiben habe, bleibt mir leider! nun nichts übrig als das letztere zu wählen. Einige Veränderungen wie z.B. die des Rezitativs der Maria „er denkt an mich„ hätte ich gar gerne gehabt, da sie auch mir als wirkliche Verbesserungen erscheinen; andere aber würde ich (wenn auch die Compositione nicht schon beendigt wäre), nur ungern aufgenommen haben, weil mir entweder das Alte besser gefällt, wie z.B. in dem Chor: „Arzt, der allen half” die Zeile „Steig’ nun herab vom Kreuz,” die ein angenehmeres Bild giebt als die neue: „Brich’ durch ein Wort den Pfahl”, oder weil das neue einer guten, effectvollen und musikalischen Form widerstreben würde, wie z.B. die Zusätze für Solostimmen, in dem Erdbeben-Chor, die gerade da eintreten, wo die Steigerung den höchsten Grad erreicht hat, und wo daher Sologesang nicht an seinem Platze sein würde. Vermag nun eine Bitte von mir etwas über Sie, so sey es die daß Sie sich in das nun einmal nicht mehr zu Ändernde finden wollen, und mir, wie ich bereits bat, gütigst gestatten, Ihnen das Werk mit dem alten Text, gegen den Sie wahrlich nicht protestiren dürfen, ohne gegen sich und ihn ungerecht zu seyn, dediciren zu dürfen. Die Gewährung dieser Bitte würde mir in mehr als einer Hinsicht große Freude gewähren.
Daß Sie, gleich mir einen unersetzlichen Verlust zu beklagen haben, hat meine innigste Theilnahme erregt; ich weiß am besten, wie einsam und verlassen man sich in solcher Lage fühlt! Einer freundlichen Antwort entgegensehend, mit wahrer Hochachtung und Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Bach, Johann Sebastian : Matthäus-Passion
Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835012406

http://bit.ly/2czo4b0

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Rochlitz an Spohr, 15.01.1835. Rochlitz beantwortete diesen Brief am 29.01.1835.

[1] Hier ist die Abschrift möglicherweise ungenau und es müsste heißen: „daß ich dem neuen Text, obgleich ich die Arbeit nicht scheuen würde, meine Composition anpasse”.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.09.2016).