Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,158
Druck 1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 36ff. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 2: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 286ff.

Hrn. Kapellmeister
Spohr.


Leipzig, d. 15ten Januar, 1835.

Geehrter Herr und Freund!

Gestern Abends spät erhielt ich Ihren Brief vom 10ten d. Ich kann ihn schon jetzt beantworten, und ganz entschieden beantworten; jetzt, nachdem ich im Denken über die gesammte Angelegenheit zwischen uns diese ganze Nacht durchwacht und Alles in mir beseitigt habe, was sich in mir aufwallend regen mußte über einen Gegenstand, der (und wahrlich nicht mir allein) ein heiliger ist, und über ein redliches, rein-wohlwollendes, treu-fleißiges Bemühn, worüber ich nun von allen Seiten tief verwundet werde! – Jetzt steht die ganze Sache deutlich vor mir, ich vermag sie ruhige anzuschauen, meine Pflicht dabei zu erkennen, ihr – einzig ihr – gemäß mich zu entschieden, und diese Entscheidung ohne irgend ein Wort, das Sie verletzten könnte, auszusprechen. Ich werde mich blos an die Hauptpunkte halten, und auch über diese möglichst kurz seyn. Zuvor1 aber muß ich Ihnen mein herzliches Beyleid über das große Opfer bezeugen, das eine höhere Macht Ihnen abgefordert hat. Ob dies Beyleid wirklich ein herzliches seyn könne, werden Sie selbst abnehmen, wenn ich Ihnen sage: Es wurde im März 1834 auch mir eine geliebte, in jeder Hinsicht ausgezeichnete Gattin durch den Tod entrissen; eine innig geliebte Gattin, mit welcher ich fünf und zwanzi[g] Jahre lang Freud’ u. Leid treulich getheilt hatte. Und sonderbar genug: Eben jenes Oratorium war die erste bedeutende Arbeit, zu welcher auch ich mit meinem Schmerz flüchtete, um mich über jedes irdische zu erheben und mich wieder fähig zu machen, mein Leben in dem Berufe, zu welchem ich von innen heraus bestimmt bin, nützlich weiter zu führen. Bey diesem Werke lassen Sie uns nun ernst und besonnen, nicht eigensinnig oder sonst kleinlich, als redliche, klar denkende, nicht unwürdig empfindende Männer stehen bleiben!
Sie, wie von mir, so von der gesammten musikalischen Welt, als einer der ausgezeichnetsten und gründlichsten Tonkünstler anerkannt, betrachten meinen neuen Text einzig und allein als ein solcher; nämlich, als Stoff, Veranlassung und Aufforderung, eine reiche, vorzüglich wirksame, überall eingängliche Composition zu liefern und mithin hierdurch das Ganze des Werks (Musik und Gedicht) erst zu vervollständigen und heilsam an den Gemüthern der Zuhörer geltend zu machen. Wohl; es sey so! Aber denken Sie denn nicht daran, daß ich, der Dichter ganz dieselben Anforderungen an Sie, den Musiker, machen darf, machen muß, (wenigstens dieselben,) wie Sie an mich; oder vielmehr wir Beyde an das Ganze des Werks? Es giebt da gar keine achtungswerthe Ein oder Aus-Rede. Und so muß ich diese Anforderungen machen, und mache sie auf das Bestimmteste und Unwandelbarste. Mithin, ganz deutlich ausgedrückt: Ich muß darauf bestehen, daß von diesem neuen Texte auch kein Wort weggelassen oder abgeändert werde; denn (ich bin in dieser Nacht meine Abschrift aufs Strengste durchgegangen, um Ihnen nachzugeben, wo es ohne Nachtheil geschehen könnte) ich weiß nichts wegzulassen und finde durchaus nichts zu verändern, das die Sache besser machte oder auch nur ihr nicht eingiermaßen schadete. So muß ich darauf bestehen, und zwar aus Pflicht gegen das Höhere. Daß Sie damit zu schweren, mühevollen Arbeit(en) genöthigt werden, weiß ich sehr wohl: aber Sie dürfen dabey doch wahrlich auch nicht vergessen, daß Sie allein durch Saumseligkeit im Schreiben an mich das Übel berbeigeführt haben. [Auf Ihre Veranlassung habe ich das Blättchen, das Sie dem zurückgesandten Buche wirklich beigelegt hatten, mit vieler Mühe unter mehr als hundert Papieren hervorgesucht. Ich hatte es gänzlich vergessen, und konnte das leicht, indem es buchstäblich nichts weiter über den Gegenstand selbst enthält, außer: „Ich will nun, wenn ich zur Ruhe komme, weiter darüber nachdenken, ob ich das Gedicht in Musik setzen kann.”]2 – Im Einzelnen muß ich noch erwähnen, daß Jesus durchaus nicht persönlich sprechend, (singend gar!)3 eingeführt werden darf; durchaus nicht!4 Es scheint mir unmöglich, daß Sie, was ich darüber in der Anmerkung gesagt, ungestört gelesen und reiflich überdacht haben sollten; es scheint mir um so mehr unmöglich, da Sie sonst zuverläßig eben das, was Sie dagegen gesagt, im Ernste, oder vielmehr überhaupt, gar nicht hätten sagen können. Ich achte Sie als Mensch und Künstler viel zu hoch, als daß ich mir hierüber auch nur einen Augenblick Zweifel beykommen ließe.
Es bleibt für Sie aber noch ein zweyter Fall möglich: Sie lassen Ihre bisherige Composition ganz wie sie ist; aber dann muß auch mein Text ganz derselbe bleiben, wie Sie ihn aus dem gedruckten Buche sich copirt haben; ganz und gar so! Hiergegen kann ich nichts einwenden und wende nichts ein; denn jener Text, wie er vor so vielen Jahren entstanden und vor nicht wenigen gedruckt worden ist, liegt nun einmal zu beliebigem Gebrauch vor aller Welt, leider, da. Doch eben so wenig können Sie Etwas einwenden, wenn ich dann sogleich vollführe, wa[s] dann meine Pflicht und darum von mir zuverläßig vollführt wird; nämlich: ich protestiere in allen öffentlichen Blättern, wohin so Etwas gehören kann, gegen jen[en] meinen Text, (nicht gegen Ihre Musik!) lasse den neuen zugleich abdrucken, und appelire an das Urtheil aller Denkenden, wissenschaftlich Gebildeten, wahrhaft Sinn- [und] Geschmackvollen im Publikum, die gesammte Correspond[enz] hinzufügend, die über diese ganze Angelegenheit zwisch[en] mir, Mendelssohn und Ihnen geführt worden ist. –
Sollten Sie im ersten Augenblick durch irgend Etwas, das ich hier geschrieben, sich verletzt fühlen: (Künstler sind leicht erregbar, und müssen es seyn:) so legen Sie mein Blatt weg und lesen es in ruhiger Stunde noch einmal; dann werden Sie sicherlich anders empfinden. Sollten Ihnen Stellen meines Blatts wohl als selbst in der Erregung geschrieben vorkommen: so irreten Sie sich und thäten mir Unrecht.
Daß ich unter diesen Umständen jetzt Ihre Partitu[r] nicht zu sehen wünschen kann, brauche ich wohl kaum hinzu zu setzen.

Mit wahrer Hochachtung u. freundschaftlicher Ergebenh[eit]
Rochlitz.

Erwähnte Personen: Mendelssohn Bartholdy, Felix
Rochlitz, Henriette
Spohr, Dorette
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835011536

http://bit.ly/2cQt7RS

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rochlitz, 10.01.1835. Spohr beantwortete diesen Brief am 24.01.1835.

[1] Hier gestrichen: „auch”.

[2] Am Rand eingefügt. – Tatsächlich schreibt Spohr in seinem Brief vom 06.08.1833: „Ich habe mir eine Abschrift des Oratoriums (mit Ihren späteren Abänderungen) genommen und werde nächsten Winter zur Komposition des Werks verwenden. Ehe ich die Arbeit beginne, werde ich so frei seyn, Ihnen nochmals zu schreiben und mir Ihre Winke für die Auffassung der Dichtung erbitten.”

[3] „(singend gar!)” über der Zeile eingefügt.

[4] Vgl. Glen Stanley, „Religuous Propirety versus Artistic Truth. The Debate between Friedrich Rochlitz and Louis Spohr about the Representation of Christ in ‘Des Heilands letzte Stunden’”, in: Acta Musicologica 61 (1989), S. 66-82.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.09.2016).