Autograf: Spohr Museum Kassel, Sign. Sp. ep. 1.1 <18350105>

Cassel den 5ten
Januar 1835.

Mein lieber Freund,

Lassen Sie mich über die schreckliche Zeit, die ich nach Ihrer Abreise erlebt habe, mit Schweigen hinweggehen; ich werde ohnedies jeden Augenblick an meinen unersetzlichen Verlust erinnert!1 Anfangs konnte ich mir ihn gar nicht als möglich denken! – auch brachte ich die ersten Tage in Wilhelmshöhe in einer traumähnlichen Betäubung zu; es war mir, als sey ich nur von Haus und ihr auf kurze Zeit abwesend – aber bey der Rückkehr, welch schreckliches Erwachen! Doch genug. – So bald ich mich nur einigermaßen fassen konnte, übernahm ich meine Geschäfte im Theater wieder und vergaß dort, wenigstens auf Augenblicke mein Unglück; kehrte ich dann freilich in mein Haus zurück und vermißte das freundliche Gesicht, was mir seit 28 Jahren immer zuerst freundlich entgegengelächelt hatte, ach, so fühlte ich mich so einsam, so verlassen in dieser Welt – es läßt sich nicht beschreiben! – Nach und nach wurde ich diesen Zustand gewohnt; auch habe ich seit ein paar Tagen wieder angefangen zu arbeiten, das heißt zu erfinden, denn instrumentirt am 2ten Theil des Oratoriums habe ich schon früher. In wenigen Tagen hoffe ich mit dieser Arbeit (bis auf die Ouverture, zu der ich noch einen besondern Zulauf nehmen muß) fertig zu seyn und dann soll das Einüben, auch mit dem 2ten hiesigen Verein2, wieder mit Eifer betrieben werden, damit wir am Charfreitage Ehre einlegen.
– Zu dem Erdbeben-Chor habe ich eine Orgel geschrieben, die gewiß in diesem Musikstück von imposanter Wirkung seyn wird. An Lärm wirds dabey überhaupt nicht fehlen, denn es gehören 6 Pauken dazu, die von 2 Paukern geschlagen werden. Ich bin auf die Instrumentation bey diesem Chor sehr gespannt. Ach, könnte doch mein gutes Weib das Oratorium hören! Wie ich früher mit Begeisterung von dieser Arbeit sprach, so sagte sie fast immer „wo werde ich seyn, wenn sie zur Aufführung kommt”, ach sie hatte ein sicheres Vorgefühl ihres so nahen Todes!
Daß meine 4te Sinfonie so sorgsam und mit Beyfall in Breslau gegeben worden ist, freut mich sehr. Sollte sie einmal wieder gegeben werden, so sorgen Sie doch, daß der 3te Satz nicht geschleppt werde; es wird bey dem Marsch gar zu leicht zurückgehalten, weil die Trompeten und Hörner nicht vom Fleck können; dann wird der Zwischensatz zwischen ben beyden Märschen (der ohnedies ein wenig lang ist) gar zu leicht lahm. Ich nahm ihn bey der lezten Aufführung lebendiger wie früher, ermahnte die Clarinettisten und Fagottisten zu recht leidenschaftlichem Vortrage, sorgte für genaue Nüancirung in den Geigen und Violoncellen, und fand nun eine ganz andere Wirkung wie früher. Überhaupt war die letzte Aufführung hier eine recht gelungene und erregte bey unseren wenigen Musikkennern großen Enthusiasmus. Leider hört sie mein gutes Weibchen nicht mehr.
Leben Sie wohl. Herzliche Grüße Ihrem Herrn Vater und den innigsten Dank für Ihre beyderseitige3 Theilnahme.

Ganz der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Hesse, Friedrich
Spohr, Dorette
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Hoftheater <Kassel>
Singakademie <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835010501

http://bit.ly/1EFs954

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 21.12.1834. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 14.05.1835.

[1] Spohrs Frau Dorette war am 20.11.1834 gestorben.

[2] Bei großen Aufführungen wirkte der von Spohr gegründete Cäcilienverein mit der vom Lehrer Johann Wiegand geleiteten Singakademie zusammen (vgl. Erberhard Wolff von Gudenberg, Beiträge zur Musikgeschichte der Stadt Kassel unter den letzten beiden Kurfürsten (1822-1866), Phil. Diss. Göttingen 1958, S. 280f.).

[3] Friedrich Hesse an Spohr, 03.12.1834.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.04.2015).