Autograf: Bodleian Library Oxford (GB-Ob), Sign. MS Margaret Deneke Mendelssohn c. 42, f. 14-15
Druck 1: Des Heilands letzte Stunden. Oratorium von L. Spohr, gedichtet von Friedrich Rochlitz. Briefe von Mendelssohn, Rochlitz und Spohr, hrsg. v. H[ans] M[ichael] Schletterer, Zürich 1885 [Separatdruck aus der Schweizerischen Musikzeitung (1885)], S. 32ff. [Permalink] [Direkt zum Digitalisat]
Druck 2: John Michael Cooper und R. Larry Todd, „'With True Esteem and Friendship'. The Correspondence of Felix Mendelssohn Bartholdy and Louis Spohr“, in: Journal of Musicological Research 29 (2010), S. 171-259, hier S. 218ff.; englische Übersetzung S. 177f.
Druck 3: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sämtliche Briefe, Bd. 4, hrsg. v. Lucian Schiewietz und Sebastian Schmideler, Kassel u.a. 2011, S. 131f.

Düsseldorf den 3ten Januar 1835.

Hochgeehrter Herr Kapellmeister

Als ich gestern Ihren gütigen Brief und die Abschrift Ihres Textes1 empfing sehe ich sogleich, daß mich mein Gedächtniß nicht getäuscht hatte, und daß jenes Gedicht, wie mir es der Hofrath Rochlitz zugesandt hatte, zwar mit manchen Aenderungen dennoch in allem Wesentlichen, den Anfängen, aller Stücke dem Gange und Plane mit Ihrem zweiten Theile vollkommen übereinstimmend sei. Daß ich unter diesen Umständen, ohne jede andre Rücksicht, von der Composition desselben zurücktreten mußte versteht sich von selbst. Ich hatte dies auch schon früher an Hrn. H.R.2 Rochlitz geschrieben und vor einigen Tagen von ihm eine Antwort bekommen, die ich seinem darin ausgesprochnen Wunsche nach, Ihnen beilege.3 Er verlangt auch, daß ich Ihnen die andern von ihm erhaltenen Briefe zusenden solle; ich hoffe aber Sie entschuldigen mich, daß ich es unterlasse, da sie nichts enthalten als die Erzählung dessen, was Ihnen bekannt ist: wie er Sie auf einer Reise nach Töplitz über dies Oratorium gesprochen und es Ihnen dahin mitgegeben habe, wie er dann, da Sie es zurücksandten und er wegen Ihres Stillschweigens glaubte da. Sie nicht auf die Composition eingehen würden, es mir zugeschickt habe, und endlich verlangt, daß ich den Text zugleich mit Ihnen componiren solle, da er gegen den früheren ganz verändert sey. Ich konnte hierauf wie schon gesagt, nicht eingehen weil ich meines Gedächtnisses und dessen was ich bei Ihnen gehört hatte, zu gewiß war, und so habe ich nun zuletzt den beiliegenden Brief von ihm erhalten, in welchem er sich damit einverstanden erklärt, daß ich Ihnen das umgearbeitete Gedicht zuschicke, welches hiemit ebenfalls geschieht. Gewiß werden Sie die meisten Veränderungen der Worte ohne eine Aenderung der Musik annehmen können, auch scheinen es mir meistentheils Verbesserungen der Diction zu sein, und wo es ohne Schaden für Ihre Composition nicht ginge, wird sich Rochlitz gewiß gern bereit finden lassen, das Opfer einiger Verse dafür zu bringen. Wenn es Ihnen aber möglich wäre ihm mit einigen Zeilen den Empfang des Gedichtes von mir anzuzeigen, und so mit ihm darüber wieder in Verbindung zu treten, so wäre mir es sehr lieb. Lustig ist es, daß Sie die meisten seiner Andeutungen unten an den Seiten, befolgt oder vielmehr selbst gegeben haben, ehe er sie mir gab, und da das einzige Stück, das mir wesentlich verändert scheint, gerade auch das ist von dem Sie mir schreiben, daß es noch nicht beendigt sei, der SchlußChor nämlich vom Erdbeben an, so hoffe ich daß meine Sendung noch zur rechten Zeit ankommen mag und daß sich die weitläuftige und verwirrte Angelegenheit ganz gut auflösen wird. Wenn das Werk beendigt ist, so denke ich daß der hiesige Musikverein, so klein er ist, nicht unter den letzten sein soll, es zu acquiriren und aufzuführen. Wie sehr Sie mich durch Ihr Lob meiner Ouverture4, erfreut haben, brauche ich wohl nicht erst zu sagen, und noch mehr würde michs freuen wenn Sie auch mit der aus hmol5 zufrieden wären, weil sie mir eigentlich besser gefällt. Da Sie mir aber das gütige Versprechen geben mir auch zuweilen eine Antwort zuzuschicken, so bitte ich Sie recht herzlich, wenn wieder etwas von mir dort aufgeführt werden sollte, mir nicht blos das zu sagen was Sie daran etwa zu loben finden möchten, sondern auch gerade das, womit Sie nicht zufrieden sind und was Sie daran tadlen, damit ichs ein anderes Mal besser machen kann, und mich auch doppelt am Lob freue. Sie werden freilich von vielen Seiten solche Bitten erhalten und sie nicht erfüllen mögen, aber daß wenige Ihnen dankbarer dafür sein würden und ihre Fehler lieber erkennen möchten als ich, das glauben Sie mir, und gönnen Sie mir darum Ihr ganzes unverhaltenes Urtheil. Nun erlauben Sie mir noch Ihnen meine Wünsche für ein gutes, trostbringendes Jahr und für Ihr unaufgehaltenes Fortwirken darin zu bringen und genehmigen Sie meine vollkommne Hochachtung mit der ich bin

Ihr ergebner
Felix Mendelssohn Bartholdy

Erwähnte Personen: Rochlitz, Friedrich
Erwähnte Kompositionen: Mendelssohn Bartholdy, Felix : Die Hebriden, op. 27
Mendelssohn Bartholdy, Felix : Meeresstille und glückliche Fahrt, op. 26
Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Teplitz
Erwähnte Institutionen: Musikverein <Düsseldorf>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835010341

http://bit.ly/2lq6xsL

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Mendelssohn. Spohrs Antwortbrief vom 03.02.1835 ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] Des Heilands letzte Stunde

[2] „H.R.“ = Abk. f. „Hofrath“.

[3] Dieser Brief von Friedrich Rochlitz an Mendelssohn ist derzeit verschollen (vgl. Kommentar zu Druck 3, S. 528).

[4] Meeresstille und glückliche Fahrt (so auch der Kommentar zu Druck 3).

[5] Die Hebriden.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Patrick Kast (25.09.2019).