Autograf: Staatsbibliothek Berlin Preußischer Kulturbesitz – Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 1,66

Wien.
Sr. Wohlgeborn
Herrn Louis Spohr
Doktor der Tonkunst u. Hofkapellmeister
pp
Cassel.


Wien, den 28 Dez. 1834.

Herrn Louis Spohr in Cassel.

Hochverehrtester Herr und Freund!

Nach so langer Zeit komme ich endlich dazu, Ihnen Hochverehrter zu schreiben. Es waren tausend Störungen, Geschäftsüberhäufungen pp daran schuld, und bitte ich also förmlich um gütige Nachsicht.
Mit wahrhaftem Bedauern habe ich die Nachicht von dem betrübten Hintritt Ihrer wohl ganz unvergeßlichen Gemahlin vernommen.1 Ich theile Ihren Schmerz, und wünsche Ihnen aufrichtig Trost und Beruhigung, die wohl nur die Zeit gewähren kann.
Was Ihre eben zu vollendende Cantate2 betrifft, so dürfen Sie mir aufs Wort glauben, daß ich selbe gerne zum Verlag geben möchte; und ich glaube auch, wenn Sie mit der Herausgabe nicht sehr eilen, daß wir uns darüber verstehen werden. Aufrichtig sage ich Ihnen aber, daß der Maßstab den Sie von Ihrer früheren Cantate3 angegeben (wovon Sie 1400 Exp. abgesetzt) mich in Erstaunen gesetzt hat. Von Händel Jephta, – Stadler Jerusalem, u.a. habe ich kaum 50 Exp. angebracht, und es muß bey Ihnen durch die vielen Gesangvereine (die hier zu Lande wie Sie wissen, ganz fehlen) – und in Rücksicht auf Ihre Person als so ausgezeichnetem Tonsetzer, jener Effekt hervorgebracht worden seyn. Wie wäre es dann wenn wir die Unternehmung gemeinschaftlich machten? Eine Form würde sich wohl hiezu finden lassen. Nur dergestalt glaube ich an einen außergewöhnlichen Erfolg.
Den Stich könnte ich jedoch vor nächstem Herbst nicht vornehmen, was Ihnen begreiflich seyn wird, wenn ich Ihnen sage, daß ich ausser manchem anderen grösseren Werken (z.B. Hummel, Romberg, Moscheles, die wegen getheiltem Eingenthumsrecht zu einer bestimmten Zeit fertig seyn müssen) auch eben die grosse Beethoven’sche Cantate: Der Heilige Augenblick, (wovon Sr Majestät mein allergnädigster Kaiser huldreichst die Dedication von mir anzunehmen geruht haben) in Partitur, Klavier-Auszug, Chor- u. Orchester-Stimmen pp in Arbeit habe, – die erst in einigen Monaten beendigt werden kann. Hierauf muß ich dann auch tüchtiger für Hr von Mosel, das von ihm bearbeitete, unlängst von 800 Künstlern in der Reitschule aufgeführte4 Händel’sche Oratorium Belsazer, in Partitur und Klav. Auszug folgen lassen. Diese Arbeiten füllen meine Zeit so aus, daß ich auch kaum die momentane Arbeit (Pfennig-Magazin, Strauss Tänze – und andere Brodsachen) prestiren5 kann, obschon ich 14 Pressen im Gange habe, und fast 50 Individuen beschäftige, die ununterbrochen arbeiten müssen.
Von Ihrer Sinfonie: Die Weihe der Töne, ist eben der Auszug zu 4 Händen von Czerny, im Druck fertig geworden. Ich bin so frey Ihnen davon einige Exemplare zu senden, und wünsche, daß Sie mit dem Arrangement zufrieden seyen. – Da gerade von diesen Werken gesprochen wird, so erlaube ich mir, Ihnen eine Idee, die Herr Kapellmeister v. Seyfried ausgesprochen, mitzutheilen. Er glaubt nämlich, daß wenn der 1te Choral davon mit 4 Singstimmen und von Blas-Instrumenten uni sono vorgetragen würde, der 2te Choral aber mit Tenor und Baß, dieß eine ganz vorzügliche Wirkung hervorbringen würde. Ich theile Ihnen diese Bemerkung mit; und es soll mich freuen, wenn Sie selbe gegründet und passend finden sollten.
Nun noch höflichste und herzlichste Glückwünsche zum Jahreswechsel mit der Bitte um Ihr stehtes freunschaftliches Wohlwollen und der Versicherung höchster Achtung

Ihres
Sie verehrenden Freundes
Tobias Haslinger.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Haslinger, 05.07.1834. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Haslinger, 25.08.1835, aus dem sich erschließen lässt, dass Haslinger in der zweiten Maihälfte zu den Empfängern des Subskriptions-Zirkulars für Spohrs Oratorium Des Heilands letzte Stunden gehörte und dass Haslinger darauf in einem derzeit ebenfalls verschollenen Brief antwortete.

[1] Dorette Spohr war am 20.11.1834 gestorben.

[2] Des Heilands letzte Stunden.

[3] Die letzten Dinge.

[4] Vgl. „Wien“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 37 (1835), Sp. 169-172, hier Sp. 169f.

[5] prestieren = sich beeilen (vgl. Rheinisches Wörterbuch, hrsg. von Josef Müller, Karl Meisen, Heinrich Dittmaier und Matthias Zender. 9 Bde. Bonn und Berlin 1928-1971, hier Bd. 6, Sp. 1100 [online-Version]).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.04.2017).