Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18341221>

Breslau den 21 Decemb 1834.

Mein lieber, guter Herr Kapellmeister! .

Erst nachdem ich mich bei Ihrem Fräulein Schwägerin1 genau nach Ihrem Zustände2 erkundigt, und darüber, Gott sei Dank, die tröstlichsten Nachrichten erhalten habe, wage ich es, an Sie zu schreiben, und bitte um gütige Nachsicht, wenn Ihnen dennoch meine Zeilen ungelegen kommen; allein meine Sehnsucht, von Ihnen selbst eine Zuschrift zu erhalten, kann ich nicht länger mehr bezwingen, besonders da ich zu einer Zeit von Cassel abreisen mußte, wo Ihre Lage eine fürchterliche war, und ich so ohne allen Trost, ohne geistige Befriedigung von Ihnen scheiden mußte; dies Gefühl hat mich so überwältigt und auf lange Zeit so verstimmt, daß es nur der Nachricht von Frau Scheidler über das letzte Concert und Ihr herrliches Spiel bedurfte, um mich von Neuem trostlos zu machen, denn daß ich Ihr Spiel ganz entbehren mußte, darüber finde ich noch jetzt keine Beruhigung, und nur die schönen Rückerinnerungen an Halberstadt, und frühere Genüsse in Ihrem Hause können mir einigen Trost geben. Auch ein Blick in die Zukunft erhellt zuweilen mein Inneres, indem ich für künftigen Sommer eine Reise nach München projectire, welche ich blos ausführen würde, um über Cassel zukommen; und dann werden Ihre beiden Quintette in a moll und Es dur die Glanzpunkte der Reise sein. Für letzteres (das erste kenne ich noch nicht) schwärme ich so, daß ich es gegenwärtig à 4 mains arrangire und bereits die ersten 2 Sätze vollendet habe. Es ist so einfach in den Motiven und dabei von harmonischen und kontrapunktischen Schönheiten übersprudelnd, daß es auch auf dem Pianoforte herrlichen Effekt macht. So wie ich es vollendet, will ich deshalb an Haslinger schreiben. Ihre 4. Sinfonie, auf die Breslau schon seit Jahren gespannt war, ist vorige Woche nach mehreren sorgfältigen Proben 2 mal gut und mit dem allgemeinsten Beifall gegeben worden. Sie ist in allen Theilen neu und originell (ohne Beethovens Bizarrerien an sich zu tragen) und ein Abbild Ihres Inneren. Einem einzelnen Satze den Vorzug geben wollen, wäre Torheit, es ist alles gleich schön und erhaben; dennoch ist es immer das erste Motiv im Allegro, sodann das Larghetto und der Schlußsatz, welche ich Tag und Nacht mit allen Einzelheiten in der Instrumentation höre. Das Gedicht wurde vorher vertheilt; und waren am ersten Abende mehr Billets ausgegeben als der Saal faßte; dennoch war es so still während der Aufführung, daß man jeden Athemzug hörte. Man betet Sie hier förmlich an, und bestürmt mich täglich mit Fragen; ob Sie uns denn nicht einmal Ihrer Gegenwart würdigen werden. Auf meiner Rückreise hatte ich in Berlin noch manchen schönen Genuß, unter anderem hörte ich bei St. Lubin Ihr Quartett in d moll, das mich im Geist nach Halberstadt versetzte, und wehmütig schöne Erinnerungen weckte. Es begeisterte alle Zuhörer dergestalt, daß selbst Spontini, (den Sie gerade nicht zu Ihren Freunden zu zählen brauchen) und welcher die Partitur bei 2 Lichtern las, einmal nach dem andern ausrief: „C‘est une imagination admirable!“ Ob indeß seine enorme Fantasie (wie Madame Spontini immer sagt) dieß Quartett gefaßt hatte, will ich nicht behaupten; für mich gehörte die Erscheinung dieses Mannes nicht zu den angenehmsten. In Breslau fühle ich mich jetzt wieder recht heimisch; und in meinem Geiste bin ich unter meinen Kunstfreunden mehr bei Ihnen, als ich’s unter Kassels Bewohnern war, die denn doch noch lange nicht wissen, wen sie besitzen. Unsere Organisten haben Sie besonders mit der Durchführung Ihres Ambrosianischen Lobgesanges begeistert.3 Faust wurde neulich wieder bei vollem Hause gegeben.
Ihrem Fräulein.Schwägerin bitte ich meinen Dank für die letzte freundliche Zuschrift zu sagen, und sie auf die Ankunft der d moll Sinfonie (à 4 mains) vorzubereiten; ebenso die lieben Ihrigen, sowie meine sonstigen Freunde herzlich zu grüßen, und recht bald mit Ihren lieben Zeilen zu erfreuen

Ihren treuen Verehrer
Adolph Hesse



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 02.10.1834. Spohr beantwortete diesen Brief am 05.01.1835.

[1] Wilhelmine Scheidler.

[2] Spohrs Frau Dorette war am 20. November 1834 gestorben.

[3] Spohr verarbeitete das fälschlich Ambrosius zugeschriebene „Te deum laudamus” am Schluss des Dritten Satz’ seiner 4. Sinfonie „Die Weihe der Töne”.

Kommentar und Verschlagwortung, sofern in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (17.12.2014).