Autograf: Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Monsieur
Monsieur Louis Spohr
Maître de Chapelle
de
Cassel
dans la principauté
d'Hesse-Cassel en Allemagne.


Hochgeehrtester Herr, theuerster Lehrer!

Erlauben Sie daß ich mir wieder einmal das Vergnügen mache an Sie meinen Wohlthäter zu schreiben, und Ihnen mitzutheilen, daß ich eine Reiße nach London gemacht habe, wofür ich einen Empfehlungsbrief an die Königin von ihrem Bruder, dem Herzog von Meiningen hatte, und mir die Ehre wiederfuhr, den 28 May mich vor der ganzen königlichen Familie in St. James’s Palace hören zu lassen, darauf lud mich die Direction des Concert philharmonique ein, den 16ten Juny in ihrem Konzert zu spielen1, nach welchem ich unter der Patronage der Königin selbst ein sehr gutes Konzert in einem Privathauße gab, worin sich ihr erster Sänger2 der italienischen Oper und auch Herr Johann Cramer sich hören ließ; ja ich war recht glücklich in England, und ich kann sagen, daß sich die Engländer wie wahre Engel für mich gezeigt haben, denn ich habe diese Reiße ganz allein gemacht, weil drey Personen in diesem so theuren Lande zu viel kosten würden, und mir war doch ein wenig bang, in ein Land zu gehen, wo ich die Sprache nicht genau verstehe, und wovon mir die Künstler in Paris, besonders aber Pixis3 eine schreckliche Beschreibung machte, allein eine Familie nahm mich gleich in ihr Hauß auf, und behandelten mich so liebevoll, als wie wenn ich ihr eigenes Kind wäre, sie gaben mir ihren Saal zu meinem Konzert, welches sie auch meistentheils arrangirten, und bezahlten alle Unkosten, die guten Menschen, Gott möge es ihnen danken. –
Als ich in London so viele Ehre genoß, und so reichlich belohnt wurde, wie oft dachte ich da an Sie theuerster Herr Direktor, dem ich alles dies zu verdanken habe, ja durch Sie gütiger Lehrer, ist sogar die Zukunft meiner Tochter gesichert, denn durch dies mein Talent, was Sie gegründet haben, bin ich im Stande ihr Lehrer in Paris zu geben, die sie zu einer würdigen Gouvernante bilden, das gute Kind lernt fleißig, und fähig künftiges Jahr, wo ich wieder nach England gehe, dort einen Platz anzunehmen, den man mir für sie angeboten hat, – und so Hochgeehrtester Herr, sind Sie der Schöpfer des Glüks dreyer Personen, die den Himmel um Glück und Seegen für Sie anflehen. –
Ich bin nun auf meiner Rückreisse nach Paris, und werde hier, wo viele Fremde sind, die die Meerbäder gebrauchen, ein Konzert geben, Herr Paganini befindet sich auch unter diesen Gästen4, und als ich ihm sagte, daß ich an Sie schreibe, bat er mich Ihnen zu sagen: ch’egli la l‘onore di presentarle i suoi rispetti, e che si ramenta sempre con piacere della sua persona, e con ammirazione del suo talento5. Theuerster Herr Direktor, sollte sich einmal ein Viertelstündchen finden, mit welchen Sie gar nicht wüßten was Sie anfangen sollen, so bitte ich es gütigst mir zu weihen und durch ein par Worte mir wissen zu lassen, daß ich so glücklich bin noch immer in Ihrem Gedächtnis zu leben, womit Sie mir theuerster Lehrer eine unaussprechliche Freude machen werden.
Ich bitte mich unbekanterweiße Ihrer werthen Familie höf[lich] zu empfehlen, und habe die Ehre mit aller Hochachtung zu verbleiben.

Ihre unterthänigste Dienerin
und ewig dankbare Schülerin
Elise Filipowicz

Boulogne-sur-mer
den 6ten August 1834.

Meine Adresse
a Madame Filipowicz
a
Paris
Rue des Martyrs No. 46.

Erwähnte Personen: Adelaide Großbritannien, Königin
Bernhard II Sachsen-Meiningen, Herzog
Cramer, Johann Baptist
Paganini, Niccolò
Pixis, Johann Peter
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Boulogne-sur-Mer
London
Paris
Erwähnte Institutionen: Philharmonic Society <London>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1834080640

http://bit.ly/21qBMN9

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Filipowicz an Spohr, 02.06.1833. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Filipowicz an Spohr, 16.08.1836.

[1] Zum Konzert am 16.06.1834: „Madame Filipowicz, who performed a Fantasia on the violin with sufficient skill and feeling to give our ears great pleasure, while our eyes told us that the instrument ist not one for ladies to attempt” („Philharmonic Concerts”, in: Athenaeum (1834), S. 475f. hier S. 475). Zuvor trat sie ausschließlich privat auf: „Among the ‘lions’ of the present fashionabel season is Madame Filipowicz, a Polish lady, who is a most excellent performer on the violin. Her talent has been exhibited in private parties only, where however she has surprised some of our best professors of that instrument by her strength of tone, brilliancy of execution, and bold masculine style. She is a pupil of Spohr.” (Times 23.05.1834, S. 5).

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Identifizierung nicht sicher. Vermutlich handelt es sich um Johann Peter Pixis (1788–1874), der sich in den Jahren um 1830 in Paris aufhielt.

[4] Paganini befand sich, auf der Rückreise aus Großbritannien, seit Ende Juni 1834 in Boulogne-sur-Mer (Julius Kapp, Paganini. Eine Biographie, Berlin 1913, S. 97).

[5] „dass er die Ehre habe, Ihnen seinen Respekt auszudrücken, und dass er sich immer mit Freude an Ihre Person erinnert und mit Bewunderung an Ihre Begabung.”

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Volker Timmermann (17.06.2016).