Autograf: Spohr Museum Kassel, Sign. Sp. ep. 1.1 <18331013>

Sr. Wohlgeb.
dem Herrn Oberorganist
Adolph Hesse
Breslau


Cassel den 13ten October
1833


Geehrter Herr und Freund,

Ihre Zuschriften sind mir immer höchst willkommen und ich bitte Sie, mich recht oft damit zu erfreuen und nicht immer erst Vierteljahre damit zu warten; doch nehmen Sie es nicht so genau mit den Antworten, denn ich bin wirklich ein geplagter Mensch, der jetzt nun wieder eine lange Zeit zu keiner eigenen ordentlichen Arbeit wird kommen können! Unser Theater soll nämlich nun über Hals und Kopf beginnen und ich weiß so schnell kein Opernpersonal zusammen zu bringen.1 An Anträgen fehlt es zwar nicht, aber sie kommen nicht von Leuten, die wir brauchen können. So haben sich in den lezten Tagen wieder zwei aus Breslau an mich gewandt, die Herren Nolte und Döring. Ersterem bitte ich zu sagen, daß ich seinen Brief, so wie auch den früheren nach Marienbad an meinen Collegen Feige abgegeben habe, da ich mit der Organisation des Schauspiels nichts zu thun habe und daß es daher nicht meine Schuld ist, wenn er ohne Antwort geblieben ist. Sagen Sie ihm aber doch zu seiner Nachricht, daß bereits mit einem 1sten Liebhaber, den der Prinz der Direction bezeichnet hat, unterhandelt wird und daß dieser wahrscheinlich genommen werden wird. - Auch Herrn Döring bitte ich zu sagen daß sein und seiner Frau Rollenfächer bereits besezt sind.
Seit wir uns in Halberstadt zulezt sahen2 , habe ich nur wenig neues geschrieben. In Marienbad bekam ich Lust einen Walzer, á la Straus, für die dortige Musik zu componiren, fing auch an, wurde aber durch die Anwesenheit der Gebrüder Bohrer, mit denen ich fast täglich Quartettmusik machte3 , sowie durch eine Geschäftsreise nach Prag4 an der Vollendung gehindert. Nach meiner Rückkehr nach hierher habe ich ihn dann instrumentirt und auch gleich für Piano a 4 mains arrangirt. Er wird diesen Herbst bey Haslinger unter dem Titel Erinnerung an Marienbad erscheinen. – In Prag, wo mir von den dortigen Musikgesellschaften, dem Conservatorium und der Theaterdirection sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, wurde ich von mehreren Seiten, besonders bey Gelegenheit eines Ständchens, bey welchem auch meine 4stimmigen Männergesänge ganz meisterhaft ausgeführt wurden, aufgefordert, einmal wieder solche Männergesänge zu schreiben und man ließ nicht eher nach, als bis ich versprochen hatte, es solle meine erste Komposition seyn; dieses Versprechen habe ich gelöset und vor 14 Tagen den 6ten Gesang beendigt. Wir haben [sie] auch bereits eingeübt und vor Leuten gesungen und gefunden, daß sie, obgleich reicher und ausgeführter wie die ersten, doch sangbarer und leichter sind. – Haben Sie schon das neue Doppelquartett und die bey André erschienenen Quartetten gemacht? Es gibt leider wieder in beyden Stichfehler zu corrigiren! Auch in den Psalmen, die bey Simrock gestochen sind gibt es einige Fehler, doch sind diese leichter aufzufinden. – Von Haslinger habe ich soeben Nachricht, daß meine 4te Sinfonie, Partitur und Stimmen zur letzten Revision an mich abgegangen sind; sie wird nun also bald versandt werden. Sorgen Sie nur ja dafür, daß sie in Breslau nicht eher aufgeführt wird, als bis sie vollkommen genau zusammen geht. - Herzliche Grüße an Naß, Kahlert p.p.
Mit wahrer Freundschaft stets ganz

der Ihrige
Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 02.10.1833. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 21.10.1833.

[1] Zur Wiedereröffnung der Theaters im November 1833 vgl. Reinhard Lebe, Ein deutsches Hoftheater in Romantik und Biedermeier. Die Kasseler Bühne zur Zeit Feiges und Spohrs (= Kasseler Quellen und Studien 2), Kassel 1964, S. 165ff.; zum neuengagierten Gesangspersonal ebd., S. 178-184.

[2] Zum Musikfest in Halberstadt vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 160f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 196f.; „Halberstadt, Musikfest am 19., 20. und 21. Juni”, in: Iris im Gebiete der Tonkunst 4 (1833), S. 107f., hier S. 108.

[3] Wie in diesem Brief datiert Spohr in seinen Lebenserinnerungen die Entstehung des Walzers Erinnerung an Marienbad auf Sommer 1833, das Zusammentreffen mit den Brüdern Bohrer aber erst auf das Frühjahr 1834, (Louis Spohr, Lebenserinnerungen, Bd. 2, S. 162; ders., Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 2, S. 198).

[4] Derzeit ist der einzige andere Beleg für diese Reise ein Brief von Spohr an seine Frau Dorette, den Folker Göthel aufgrund dieses Briefs von Spohr an Hesse auf den Juni 1833 datiert, was gleichzeitig voraussetzt, dass Spohr die Prag-Reise von Marienbad aus unternahm (Folker Göthel in: Louis Spohr, Briefwechsel mit seiner Frau Dorette, hrsg. v. Folker Göthel, Kassel und Basel 1957, S. 81). Für diese Datierung spricht auch Spohrs Angabe in den Lebenserinnerungen (Bd. 2, S. 162; vgl. Selbstbiographie, Bd. 2, S. 198), er habe nach seiner Rückkehr aus Marienbad mit der Komposition der Gesänge für Männerstimmen op. 90 begonnen, die dieser Brief als Prager Auftrag darstellt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach 23.12.2014).