Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18331002>

Sr. Wohlgeboren
Herrn Dr. Louis Spohr
Kurfürstlicher Hofkapellmeister zu Cassel.


Breslau d. 2. Oktober 1833.

Wohlgeborner
Hochgeehrtester Herr!

Da seit unserm letzten Zusammensein über ein Viertel-Jahr verflossen ist, so glaube ich es wagen zu dürfen, Ew. Wohlgeboren mit diesen Zeilen beschwerlich zu fallen. Zuvörderst nehmen Sie nicht nur meinen, sondern den Glückwunsch aller Ihrer Verehrer, zu der Ihnen von Ihrem Regenten zu Theil gewordenen Auszeichnung1, welche uns kürzlich unsere Zeitung bekannt machte. Obgleich Sie sich durch Ihre Verdienste um die musikalische Welt bereits selbst so hoch gestellt haben, daß eine Auszeichnung derart nichts zur Vergrößerung Ihres Ruhmes beitragen kann, zumal wenn man überlegt, daß oft Unwürdige damit begabt werden, so ist es doch Ihren Verehrern eine große Freude gewesen; und es traf gerade in eine Zeit, wo wir Sie wieder einmal ganz vergöttert, wir hielten nämlich Proben zu unserm Musikfest zu Ehren deutscher Naturforscher, von dem ich Ew. Wohlgeb. einen Plan beigelegt habe.2. Dasselbe ist höchst brillant und zu allgemeiner Zufriedenheit gewesen. Die Soloparthien waren mit unsern besten Sängern besetzt, die Kirche beide Abende mit Lampen-Kronleuchtern höchst brillant erhellt, und das Orchester vom Theater-Maler höchst geschmackvoll dekorirt. Durch 10 Proben gehörig vorbereitet ließen die Aufführungen an Präzision nichts zu wünschen übrig, und ich hätte Ihnen gewünscht, die erschütternde Wirkung des 2ten Theils Ihrer letzten Dinge wahrzunehmen. Obgleich diese Aufführungen nur meistens mit einheimischen Kräften bewerkstelligt wurden (denn wir könnten nöthigenfalls eine Masse von 800 Personen aufbringen), so betrugen dennoch die Kosten 853 Thaler, obgleich der größte Theil gratis mitwirkte. Auch meine herrliche Orgel ließ an diesen Abenden sowohl ihre imposante Kraft so wie auch die zarten Stimmen hören. Am 1ten Tage hatte ich die Leitung des Jephta am Klavier übernommen und am 2ten spielte ich die Orgel und dirigirte meinen Psalm. Jetzt bin ich mit dem Arrangement eines Konzertes, das ich binnen kurzem geben will, beschäftigt, ich schrieb mir zu diesem Zweck ein Pianofortekonzert in e moll, das ich in diesen Tagen vollendet habe. Daß mehrere Ihrer Kompositionen die Würze des Konzertes sein werden, versteht sich von selbst. Haben Sie nur die Güte, mich recht sehr bald mit einigen Zeilen zu beglücken und mich den lieben Ihrigen und sonstigen Bekannten bestens zu empfehlen.
Mit ausgezeichneter Verehrung

Ihr ergebenster
Adolph Hesse

Erwähnte Personen: Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Erwähnte Kompositionen: Hesse, Adolph : Konzerte, Kl Orch, [e-moll]
Hesse, Adolph : Psalmen
Händel, Georg Friedrich : Jephta
Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Erwähnte Orte: Breslau
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833100231

http://bit.ly/1ouBWp4

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 16.07.1833. Spohr beantwortete diesen Brief am 13.10.1833.

[1] Spohr wurde am 05.09.1833 das Ritterkreuz des kurhessischen Hausordens vom goldnen Löwen verliehen (Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung 11.09.1833; Datum der Verleihung nach: Kurfürstlich Hessisches Hof- und Staatshandbuch auf das Jahr 1854, Cassel 1854, S. 26).

[2] Dieser Plan liegt der Korrespondenz nicht mehr bei. Das Programm des Musikfests geht aber auch hervor aus: August Kahlert, „Breslau”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 35 (1833), Sp. 870ff., hier Sp. 871.

Kommentar und Verschlagwortung, sofern in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.12.2014).