Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Halberstadt1 den 22sten September 1833.

Hochverehrter Herr Kapellmeister,
Mit großer Freude habe ich aus dem Schreiben2, mit welchem Sie von Marienbad aus den Vater beehrten, ersehen, daß Ihrer Frau Gemahlin3 und Fräulein Tochter4 das Bad gut bekommen ist und daß Sie unser noch freundlich gedenken. Auch wir haben uns von den Anstrengungen des Musikfestes völlig erholt5 und bedauern nichts mehr, als daß die große Anstrengung, welche deren augenblickliche nothwendige Folge war, uns verhindert hat, Sie noch mit unsrer Umgegend bekannt und Ihnen überall den Aufenthalt bei uns so angenehm zu machen, als es in unsern Wünschen lag. Möchte Sie Ihr Weg doch bald wieder nach oder durch Halberstadt und durch unser Haus führen!
Die außerordentliche Güte, welche Sie mir beim Musikfeste bewiesen haben, macht mich so dreist, mich in einer großen Verlegenheit an Sie zu wenden und Ihre Fürsorge für unsre Musikschule in Anspruch zu nehmen, die sonst leicht das Schicksal haben könnte eine Zeitlang verweist da zu stehen.
Schon bisher war uns ein zweiter Violinlehrer dringendes Bedürfniß und ich mußte wünschen einen solchen aus Ihrer Schule zu bekommen. Jetzt ist es aber auch zweifelhaft geworden, ob unser bisheriger Lehrer6, welcher auch Orchesterdirigent ist, uns bleiben wird, da er Aussicht auf eine sehr baldige Anstellung im Königl. Dienste hat, die er wegen der damit verbundenen Sicherheit als Familienvater annehmen zu müßen glaubt. Dazu kommt, daß der junge Mann, welcher den Singverein leitet, sich nicht als besonders brauchbar erweist. Sie würden mir daher den größten Gefallen erzeigen, wenn Sie mir einen Mann nachweisen könnten, welcher im Stande wäre, unser Orchester, den Singverein und die Musikschule zu leiten und Violinunterricht ertheilen, noch mehr aber, wenn Sie uns außerdem einen guten Violinlehrer verschaffen wollen.
Glänzende Bedingungen lassen sich nicht stellen, da das Institut erst im Werden begriffen ist und lediglich aus Privatmitteln erhalten werden muß, die durch geringe Beisteuern herbei geschafft werden. Die Aussichten für die Zukunft hängen aber ganz besonders von den Leistungen der Lehrer ab, da – wenn auch meine umfassenderen Pläne nicht in Ausführung kommen sollen, woran ich jedoch thätig arbeite – ich die volle Überzeugung habe, daß wenn die Anstalt etwas tüchtiges leisten wird, ihr Bestehen auch vollkommen gesichert ist.
Von den Lehrern wird erwartet, daß sie wöchentlich einige zwanzig Unterrichtsstunden übernehmen und zwar sowohl für einzelne Schüler, als auch solche, in welchen gemeinschaftliche Übungen vorgenommen werden, in welcher Beziehung sie sich ganz in den Schulplan fügen müßen. Außerdem müßen sie in allen vom Musikvereine veranstalteten Concerten und uns. Unterhaltungen als Solospieler oder Ripienisten, wie ihre Mitwirkung gerade gebraucht wird, thätig sein. Gelegenheit zum Nebenverdienst giebt es hier nicht und womöglich machen wir es zur Bedingung, daß kein Privatunterricht ertheilt werden darf.
Was die finanziellen Bedingungen betrifft, so wird es besonders darauf ankommen, was die Anzustellenden leisten. Dem ersten Lehrer können, wenn er zugleich Orchesterdirigent ist, sogleich 300 Rth zugesichert werden; die nächste Veranlassung welche ihm verschafft werden möchte dürfte seine Wohnung sein, auch ist es wahrscheinlich, daß bald eine Gehaltszulage gegeben werden kann; dies hängt aber ganz davon ab, ob der Mann unsre Zwecke zu fördern, die Schule zu heben und die Concerte gut auszustellen weiß. Ist er zugleich Pianofortespieler und kann die Leitung des Singvereins übernehmen, so kann der Gehalt gleich Anfangs höher bestimmt werden. Dem zweiten Violinlehrer können augenblicklich nur 200 Rth ausgesetzt werden, jedoch mit gleichen Aussichten auf Verbesserung. Dabei brauche ich wohl nicht zu versichern, daß ich mich für Männer, welche ihre Schuldigkeit thun, so gut als für die Sache selbst interessire und gewiß mein Möglichestes thun werde ihre Lage zu verbessern.
Unter gleichen Bedigungen würde ich einen guten Violoncellspieler plaziren können, der auf diesem Instrumente und vielleicht noch auf einem andern, Unterricht ertheilen könnte und für das Quartettspiel brauchbar wäre.
Übrigens läßt sich über die Bedingungen noch unterhandeln; es kömmt zu sehr darauf an, in welchem Grade es wünschenswerth erscheint die Competenten zu gewinnen.
Am liebsten sind mir junge, unverheirathete Männer, die sich noch nichts auf das einbilden, was sie schon erreicht haben, sondern weiter streben und von denen man hoffen darf, daß sie wie die Anstalt selbst wachsen werden.
Bei der Nähe des Winters und der sonstigen Dringlichkeit der Sache, würde es mir lieb sein, wenn die welche auf meine Vorschäge eingehen wollen, sich sogleich reisefertig machten.
Entschuldigen Sie, verehrter Gönner, daß ich Ihnen mit solchen Zumuthungen lästig falle; nur ungern entschließe ich mich, Ihre kostbare Zeit und Thätigkeit in Anspruch zu nehmen. Aber das Wohl meiner Anstalt liegt mir zu sehr am Herzen, als daß ich nicht den Muth fassen sollte, mich an den Man zu wenden, zu dessen Rathe ich das meiste Vertrauen hegen darf und dem ich am liebsten noch mehr mich verpflichtet fühlte, als dies schon jetzt der Fall ist.
Der Vater hat mir aufgetragen, ihn Ihnen und Ihrer verehrten Familie besten zu empfehlen, meinen Geschwister wegen eine gleiche Bitte und es schließt sich ihnen mit Mund und Herzen an

Ihr
dankbarer Verehrer
L. Augustin

Erwähnte Personen: Augustin, Christian Friedrich Bernhard
Spohr, Dorette
Spohr, Therese
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Halberstadt
Marienbad
Erwähnte Institutionen: Elbe-Musikfeste <wechselnde Orte>
Musikschule <Halberstadt>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833092247

http://bit.ly/30vtkSr

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Augustin an Spohr, 03.07.1833. Spohr beantwortete diesen Brief am 27.09.1833.

[1] „Halberstadt“ auf dem Briefpapier vorgedruckt.

[2] Spohr an Friedrich Bernhard Augustin, 02.08.1833.

[3] Dorette Spohr.

[4] Therese Spohr.

[5] Vgl. „Das sechste Elb-Musikfest, gefeyert zu Halberstadt am 19ten, 20sten und 21sten Juny“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 35 (1833), Sp. 496ff.; „Halberstadt, Musikfest am 19., 20. und 21. Juni“, in: Iris im Gebiete der Tonkunst 4 (1833), S. 107f.; Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 160f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 196f.

[6] Noch nicht ermittelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.09.2019).