Autograf: Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 2° Ms. mus. 1500[Sp. 75,26

Marienbad den 6ten
August 1833.

Hochgeehrtester Herr und Freund,

Beykommend sende ich Ihnen den, mir gütigst geliehenen Band Ihrer Werke mit dem besten Dank zurück.1 Ich habe mir eine Abschrift des Oratoriums2 (mit Ihren späteren Abänderungen) genommen und werde nächsten Winter zur Komposition des Werks verwenden. Ehe ich die Arbeit beginne, werde ich so frei seyn, Ihnen nochmals zu schreiben und mir Ihre Winke für die Auffassung der Dichtung erbitten.3
Mit unserm hiesigen Aufenthalt sind wir sehr zufrieden, obgleich die Kur vom Wetter wenig begünstigt war. Besonders fühlt sich meine Frau durch den Gebrauch der Ferdinands-Quelle sehr gestärkt. – Wir trafen hier die Gebrüder Bohrer, mit welchen ich fleißig Quartettmusik gemacht habe. Auch in ihren beyden Concerten habe ich jedesmal ein Quartett eigener Komposition vorgetragen. Auch Fr. Schneider ist hier und war stets ein aufmerksamer Zuhörer bey unsern Musikparthien.4 – Eine Ausflucht nach Prag auf 8 Tage hat mir viel Vergnügen gewährt;5 auch dort habe ich nach 22 Jahren einmal wieder (privatim) Musik gemacht. Im Conservatorio wohnte ich einer Production bey und freuete mich des blühenden Zustands desselben. Sinfonien und Ouvertüren werden mit großer Genauigkeit gegeben, doch nimmt der Director Weber fast alle Tempi zu schnell. Unter den Solospielern zeichnete sich ein Clarinettist besonders aus.
Mit der Bitte um die Fortdauer Ihrer Gewogenheit und Freundschaft und mit den Gefühlen innigster Hochachtung und Freundschaft

ganz der Ihrige
Louis Spohr

Erwähnte Personen: Bohrer, Anton
Bohrer, Max
Schneider, Friedrich
Spohr, Dorette
Weber, Dionys
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Marienbad
Prag
Erwähnte Institutionen: Konservatorium <Prag>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833080606

http://bit.ly/2cNdomy

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Rochlitz, 28.07.1828. Vermutlich reiste Spohr über Leipzig nach Marienbad, wo er den anfangs des Briefs erwähnten Band von Rochlitz erhalten haben könnte. Daher wird hier kein vorausgehender Brief von Rochlitz erschlossen. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Rochlitz, 10.01.1835.

[1] Auswahl des Besten aus Friedrich Rochlitz’ sämmtlichen Schriften, Bd. 5, Züllichau 1822, das im Folgenden erwähnte Libretto „Das Ende des Gerechten” dort S. [203]-226.

[2] Spohrs Vertonung erhielt schließlich den Titel Des Heilands letzte Stunden.

[3] Wie die folgenden Briefe dieser Korrespondenz zeigen, hat Spohr diesen Brief vermutlich nie geschrieben.

[4] Zu Schneider in Marienbad vgl. Friedrich Kempe, Friedrich Schneider. Ein Lebensbild nach Original-Mittheilungen, Original-Briefen und Urtheilen namhafter Kunstrichter bearbeitet, Berlin 1864, S. 258.

[5] Vgl. Louis Spohr an Dorette Spohr, Juni 1833.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.09.2016).