Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeborner Herr,
sehr verehrter Herr Kapellmeister,

Ein Musikverein, welcher sich vor einiger Zeit hier gebildet hat, wünscht die seit mehreren Jahren ruhenden Elbmusikfeste wieder aufzunehmen, da sich keine der mehr berechtigten Städte dazu verstehen will. Den im allgemeinen Umrißen entworfenen Plan zu diesem Feste, welcher dazu bestimmt ist unser Publikum zur Theilnahme anzuregen, füge ich gehorsamst bey. Der Verein hat mich mit der Ausrichtung beauftragt und nachdem ich mich der Unterstützung der Musikfreunde Quedlinburgs und Braunschweigs versichert habe und mit Gewißheit derweyl(?) rechnen zu dürfen glaube, daß das Fest in der beabsichtigten Ausdehnung zu Stande gebracht werden kann, ist es mein angelegentlichstes Geschäft, Ew. Wohlgeboren den allgemeinen Wunsch Ihrer zahlreichen Verehrer vorzubringen, daß Sie die Direction unsers Musikfestes übernehmen möchten. Ew. Wohlgeboren werden es billigen, wenn ich erst privatim Ihre Meinung hierüber zu erfahren wünschte, bevor ich mir erlaube, den Verein zu einem förmlichen Antrage zu veranlassen. Neben Ihnen dürfte, wenn Sie es genehmigen, der H. Kapellmeister Schneider wegen des eifrigen Antheils, welchen er an allen solchen Festen genommen hat, zur Mitdirection aufzufordern sein.
In Betreff der Ausführung würde die erste Sorge die sein, welches Oratorium am ersten Tage vorgetragen werden soll. Es würde uns ziemen, Ihre Entscheidung hierüber zu erbitten, ohne uns auch nur einen Vorschlag zu erlauben, wenn nicht ein solches dieß lange vorher mit allen denen die zunächst mitwirken sollen, besprochen werden müßte, um zu wißen, ob es unternommen werden kann und wenn nicht jene Frage schon bei diesen allgemeinen Beziehungen zuerst erhoben würde, wodurch sich merklich gewiße Wünsche und Ansichten festsetzen. Dazu kommt, daß mancherlei Schwierigkeiten mit welchen unser Verein zu kämpfen hatte, erst in diesen Tagen so weit überwunden sind, daß wir zur Veranstaltung des Festes schreiten können und daß wir es nicht wagen durften Ihre Bestimmungen einzuholen, so lange es noch ungewiß war, ob wir im Stande sein würden unser Vorhaben auszuführen.
Diese Umstände werden uns bei Ew. Wohlgeboren entschuldigen, wenn wir schon eine vorläufige Wahl getroffen haben, die auf den Händelschen Samson gefallen ist.
Der Herr Justizdirector Ziegler zu Quedlinburg hat mich besorgt gemacht, daß diese Wahl von Ihnen nicht genehmigt werden möchte und er sprach sogar die Hoffnung aus, daß Sie ein Oratorium vollendet haben möchten1, dessen Vorstellung unser Fest zu dem bedeutendsten unter seinen Vorgängern erheben würde. Sie müssen eine Ahnung davon haben, mit welcher Sehnsucht der Freund der Kunst, dem es nicht vergönnt ist, gleich Ihnen, aus deren Quelle zu schöpfen, einem großen Werke seines Lieblings-Componisten entgegensieht, um zu fühlen, wie schmerzlich es mir sein würde, auf eine solche2 Hoffnung verzichten zu müßen und wie traurig es für mich ist, statt um dieses Geschenk Ihres immer frischen Geistes auf das dringendste zu bitten, die Pflicht erfüllen zu müßen, die unbebesiegbar scheinende Hinderniße vorzustellen.
Der Singechor, welcher uns beim Musikfeste zu Gebote steht, ist besonders aus dem Quedlinburger und dem hiesigen Singverein, dem hiesigen Domchor und Zöglingen der höheren Bürger- und Tochterschule zusammensetzt. Der Quedlinburger Verein, unter Zieglers Leitung, ist durchaus zuverlässig, desto weniger aber der hiesige. Er wurde bisher von einem Mann3 geleitet, der die Schule zu sehr vernachläßigte und zuerst darauf bedacht war, den Verein zu produciren; durch viele gute Eigenschaften hatte er das Vertrauen im hohen Grade gewonnen und der Verein glaubte sich verloren, als er sich krankheitshalber zurückzog; sein Nachfolger4 ist zwar wohl im Stande seine Stelle zu ersetzen, aber bei wenig imponirendem Äußeren wird es ihm erst noch Gerade gelingen, volles Vertrauen zu gewinnen. Außer ihm müßen noch drei andre Instructoren, die ihre Schuldigkeit thun, aber von denen nicht außerordentliches zu erwarten ist, die übrigen Bestandtheile des Chors einüben. – Das Musikfest kann nur in der Mitte des Juni gegeben werden, weil das Wetter zu keiner andern Jahreszeit zuverläßig ist und weil um diese Zeit auch die meisten Zuhörer zu rechnen ist. Diese Frist ist kurz und ich zweifle daran, ob jene Lehrer bis dahin im Stande sein werden ein schweres, ihnen unbekanntes Werk einzustudiren und ob sie überall ohne einen Clavierauszug in Händen zu haben, dazu geschickt sind.
Der Samson ist allen bekannt, ob er gleich in der hiesigen Gegend noch nicht öffentlich gehört ist (außer in Magdeburg), der Singverein hat ihn schon einmal eingeübt und so lieb gewonnen, so daß alle Mitglieder der Ausführung mit Freude entgegensehen, während sie bei jeder andern Wahl wieder Zweifel in ihre Kräfte setzen möchten, die immer verderblich wirken.
Zu diesen Gründen kommt für mich noch ein anderer, der mir5 von großem Gewichte ist, wenn er nicht dadurch niedergeschlagen werden kann, daß wir ein Werk von Ihnen darstellen könnten.
Ich hege namlich seit längerer Zeit im Stillen die Idee, eine eigne Academie für geistliche Musik, als Staatsinstitut, hier in Halberstadt zu errichten, mit welcher allgemeine musikalische Bildungsanstalten, von immer wahren6 Hochschule an bis zu den ersten Elementaranstalten herab, in Verbindung zu setzen wären, von welchen uns das gesammte Musikunterrichtswesen in dem preußischen Staaten geordnet und, so lange es nöthig wäre, geleitet werden könnte. Nach meiner Überzeugung muß der jetzt planlos als reines Gewerbe, meist auf eine sinn- und geschmacklose Weise betriebene Musikunterricht, zum Zweige des allgemeinen Volksunterrichts werden und zwar nicht blos in dem beschränkten Maaße als der Gesangunterricht jetzt in den Schulen getrieben wird, jedenfalls aber unter gehöriger allgemeiner Aufsicht. Zu solchen Instituten ist Halberstadt durch seine Lage, seine Hülfsmittel und zahlreiche Unterrichtsanstalten (Gymnasium, Schullehrerseminar, einer guten Töchter und höhern Bürgerschule, unter andern guten Parochialschulen, an denen allein 40 Lehrer angestellt sind) sehr geeignet und die sonstige Einrichtung des Unterrichtswesens im Preußischen macht eine allgemeine Organisation des Musikunterrichts leicht.
Zur Ausführung eines solchen Plans (der freilich leicht ein schöner Traum bleiben kann), giebt es verschiedene Wege. Mir, der ich keinen äußeren Beruf, keine Stellung im bürgerlichen Leben habe, wodurch es mir möglich würde zur unmittelbaren Ausführung zu schreiten, scheint kein anderer Weg zweckmäßig, als der, vorbereitend zu wirken und dabei meine Kräfte zu versuchen. Dies war die Veranlassung, welche mich im7 December 1831 zur Gründung des hiesigen Musikvereins, eines bloßen Privatunternehmens, bewog. Derselbe hat eine beständige Concertgesellschaft gegründet, den Singverein an sich gezogen, er sucht auf den Gesangunterricht in den Schulen zu wirken und beabsichtigt die Errichtung einer allgemeinen Elementarmusikschule, in welcher vorzugsweise8 Unterricht in der Instrumentalmusik gegeben wird. Mit einem sehr tüchtigen Lehrer für die Streichinstrumente (der zugleich ein guter Instrucor für das Orchester ist), einem Gesanglehrer und einigen außerordentlichen Lehrern, mit zwar schwachen finanziellen Mitteln, dem desto größeren Eifer und mit einer kleinen Zahl talentvoller Schüler wurde vor einem Jahre der Anfang gemacht und was bis jetzt geleistet wird, berechtigt zu den besten Hoffnungen.
Auf diese Weise denke ich die nöthigen Elementaranstalten ins Leben zu rufen, welche verhonanden sein müßten, um künftig etwas Höheres zu gründen, wodurch zugleich ein Institut gestiftet ist, das auch selbst ständig von Nutzen sein wird.
Ew. Wohlgeboren werden gewiß zugeben, daß ich es mir von meinem Gesichtspunkte uns auch zur Aufgabe machen muß, den Sinn Sie für ältere Musik und vorzugsweise den für Händels Werke zu wecken, die hier so gut als unbekannt sind. Ungern würde ich deshalb eine Gelegenheit vorübergehen lassen, wo es nicht an Mitteln fehl ein solches Werk auf eine so würdige Weise darzustellen, daß es Eindruck auf die Hörer machen muß. Unser Publikum ist aber noch weniger für jedes Händelsche Werk reif, am wenigsten wenn es in seiner ursprünglichen Form erschiene und da der Samson nach der Moselschen Bearbeitung fast überall Freunde gewonnen hat, da man ihn gerade hier mit Liebe aufgenommen, so werden Ew. Wohlgeboren die Wahl gewiß motivirt finden.
Freilich erkenne ich es sehr wohl an, daß dazwischen und bis zum Entschluß, die Direction des Werkes zu übernehmen, noch viel in der Mitte liegt. Aber ich glaube mich der Hoffnung hingeben zu dürfen, daß Sie im Gefühl Ihrer Kunst das Werk Ernstlicher als jeder andere leiten zu können und in der Überzeugung, Ihre vielleicht widerstrebenden Gefühle und Ansichten nicht einem vorübergehenden bloßen Schutziele(???) zu opfern, sondern zum Verständniße eines der größten deutschen Meister beizutragen und den Sinn für ernste geistliche Musik in der Gegend zu wirken, die auch Ihre Heimath ist, daß diese Rücksichten Einfluß auf Ihren Entschluß haben werden. Auch Ihre eignen Compositionen, obgleich sie der Ausdrucks des tiefsten Gefühls sind und in einem unsere Zeitgeschmacke angemessenen Gewande auftreten, sind nicht jedem Hörer bei der ersten Bekanntschaft so anziehend, wirken nicht so ergreifend, als man erwarten muß, weil die Ohren der Menge von Jugend auf so gemißhandelt sind daß es ihrem Geschmacke an allem Anhalte fehlt; ich sah und hörte es hier, daß Ihre unübertrefflichen „letzten Dinge“ noch während der Einübung nicht begriffen wurden, die uns jetzt bei genauer Bekanntschaft so werth geworden sind, als nicht leicht ein andres Werk, die uns so warm ergreifend, so einfach und natürlich fließend könne(???), daß es uns unbegreiflich ist wie es irgend Jemanden je anders scheinen konnte.
In Beziehung auf die Ausführung werde ich alle Ihre Anschriften gewißenhaft zu erfüllen suchen und Sie können sicher sein, daß solche Vorfälle, wie wir sie bei dem vorigen hiesigen Musikfest zu beklagen hatten, nicht wiederkehren werden.9 Sollte das Andenken an dieselben Ihnen irgend die Erinnerung an das Fest und an den Namen Halberstadt verleiden, so seien Sie doch versichert, daß dieses Fest viel zu der Ehrfurcht beigetragen hat, mit welcher Ihr Name bei uns10 genannt wird und daß die Aussicht, Sie wiederum an der Spitze der Künstler stehen zu sehen, mit dem lautesten Beifalle aufgenommen werden würde.
Die Wahl der übrigen Sachen, außer dem Oratorio, hängt zu wesentlich von diesem ab und bleibt so fest Ihrer eignen Bestimmung überlassen, daß ich es noch nicht an der Zeit halte, darüber zu reden, zumal da uns in dieser Beziehung die Zeit nicht so sehr drängt.
Sollten Sie uns ein eigenes Oratorium widmen wollen und es bei den geschilderten Zuständen unsrer Hülfsmittel für möglich halten, es einstudiren zu lassen, so würde ich bitten müssen, die Stimmen pp mir recht bald mitzutheilen. Jedenfalls hoffe ich, daß dieses Musikfest nicht das letzte sein wird, welches hier und in der Nachbarschaft gefeiert, von Ihnen geleitet und Ihre Werke zur allgemeinen Erbauung darstellen wird.
Indem ich um Verzeihung bitte, wenn Ew. Wohlgeboren ich zu ausführlich mit Dingen unterhielt, die Ihnen nicht so bedeutend erscheinen werden als mir, sehe ich einer baldigen wohlwollenden Erwiederung entgegen und verharre im Gefühle der tiefsten Verehrung

Ew. Wohlgeboren
ganz gehorsamster Diener
Augustin, Ob. Landesger. Assessor.

Halberstadt den 7ten April
1833.

Autor(en): Augustin, Luther
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Schneider, Friedrich
Ziegler, Friedrich
Erwähnte Kompositionen: Händel, Georg Friedrich : Samson
Erwähnte Orte: Halberstadt
Erwähnte Institutionen: Domchor <Halberstadt>
Elbe-Musikfeste <wechselnde Orte>
Musikschule <Halberstadt>
Singverein <Halberstadt>
Singverein <Quedlinburg>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833040747

http://bit.ly/3ehEzFc

Spohr



Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Spohr begann erst Ende des Jahres mit der Komposition von Des Heilands letzte Stunden (vgl. Spohr an Friedrich Rochlitz, 06.08.1833).

[2] „solche“ über der Zeile eingefügt.

[3] Noch nicht ermittelt.

[4] Noch nicht ermittelt.

[5] „mir“ über der Zeile eingefügt.

[6] Sic!

[7] „ im“ über der Zeile eingefügt.

[8] Hier gestrichen: „der“.

[9] Dagegen hielt Spohr fest, dass beim Musikfest in Halberstadt 1828 „die Musik sehr gut executirt wurde“ (Spohr an Friedrich Rochlitz, 28.07.1828).

[10] „uns“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.05.2020).