Autograf: Staatsbibliothek Berlin Preußischer Kulturbesitz – Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 1,60

Wien, den 22 Merz 1833.

Herrn Kapellmeister L. Spohr in Cassel.

Hochverehrtester Herr u. Freund!

Recht sehr muß ich um Entschuldigung bitte, daß ich Ihr letztes verehrtes Schreiben erst jetzt beantworte. Es war daran ein Zusammenfluß von nicht zu verzögernden Expeditionen Schuld, wie das im Geschäftsleben bekanntlich oft der Fall ist.
Ihre Violinschule ist nun endlich fertig; und die Exemplare nach dem Auslande abgesandt. Für Sie habe ich vor 6 Tagen, durch meinen Comissionär H. Knobloch in Leipzig
1 Kistchen, sign. L.S. No 1. in Gew.(?)
expedirt, welches Ihnen dann unverzüglich zukommen wird. - Selbes enthält wie Ihnen die angebogene1 Rechnung zeigt, ausser den für Sie bestimmten Honorar-Exemplare, noch 2 Beyschlüsse:
an Hr Bohné in Cassel … pr. f 7.30 x
und an Hr Hornthal " " … 45. -
zusammen f 52.30x C.M.
welche Beträge ich bitte, gütigst einzuziehen, und mir zu notiren. -
Noch habe ich Ihnen den richtigen Empfang Ihrer Sinfonie No 4. zu bestätigen. Die Durchlesung der Partitur hat mir schon oftmal viel u. Hohen Genuß gewährt; und um mit diesem Werke in einer besseren Jahreszeit als mit der Schule hinsichtlich des Druckes zu kommen, wird selbe in 2-3 Wochen bereits dem Stiche übergeben wrden, damit ich selbe wo möglich bey meinen Rückkunft von der Leipziger O. Messe2 vollendet finde. - Vielleicht wird mir das besondere Vergnügen zu Theil, Sie, da ich einen weiteren Ausflug vorhabe, Ihnen in Cassel selbst meine persöhnliche Hochachtung bezeigen zu können.
Was sagen Sie aber dazu, daß in London, wie mir so eben berichtet wird, von Ihrer Schule, die noch nicht an das Tageslicht getreten, schon ein Nachdruck angekündigt wird?3 Früher hatte ich mich an einige dortige Häuser gewandt, ihnen das Miteigenthum anzutragen, selbe auch die möglichst billige Bedingungen gestellt, doch ohne Erfolg. Damahls hatte ich mich nicht gewundert, da jene Londoner auch ein kleineres Werk von Mayseder, welcher von London aus vorbestellt gewesen, nicht acceptirten. Wie schwer, traurig und beschädigtend ist es also noch immer für Original-Verleger, wenn ihm sein Eigenthum selbst in der weitesten Ferne geschmälert wird, ohne daß er oft auch nur eine Ahnung davon haben, oder in seinem anfänglichen Rechnungs-Calcul darauf hat Rücksicht nehmen können. - Was ist aber zu thun? -
Da ich mit Moscheles eben in Correspondenz bin, so habe ich ihm von Ihrer neuen Sinfonie geschrieben, ob nicht etwa die philharmonische Gesellschaft in London darauf reflectiren wolle. Sollte sich dießfalls ein Geschäft bilden, und dieses mit einem Vertrag gekrönt werden, so verstände sich von selbst, daß Sie dabey participiren sollen und werden, was ich auch gegen Moscheles erwähnt habe.
Für heute also schließe ich, wünschend, daß die Ausstattung Ihrer herrlichen Schule sich Ihres Beyfalles erfreuen möge, mit der Versicherung meiner innigsten freundschaftlichen Hochachtung als

Ihr
innigster Verehrer u. Freund
Tobias Haslinger

Erwähnte Personen: Bohné, Jakob
Hornthal, Adolph
Knobloch, Karl
Moscheles, Ignaz
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Violinschule
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: London
Erwähnte Institutionen: Philharmonic Society <London>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833032252

http://bit.ly/2nOjiJh

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Haslinger, 31.12.1832. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Haslinger an Spohr, 25.08.1833.

[1] Vgl. „Anbiegen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Onlineversion.

[2] Wohl „Ostermesse“.

[3] Diese Ankündigung ist noch nicht ermittelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (05.04.2017).