Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18330315>

Breslau den 15. März 33.

Wohlgeborner Herr!
Hochverehrtester Freund!

Schon wieder wage ich es, Sie mit einer Zuschrift zu behelligen. Erstens nehmen Sie meinen herzlichsten Dank für Ihren freundlichen Gruß durch Herrn Naß, aus dessen Briefe ich ersah1, daß sie auch meiner neuesten Ouvertüre gütigst gedacht haben2; ich habe mich recht sehr gefreut zu hören, wie Sie an Ihrem 27ten Hochzeitstage ein neues Doppelquartett zur Aufführung brachten.3 Gott! wie glücklich sind Sie; von der ganzen gebildeten Welt verehrt, ein glücklicher Gatte in den besten Jahren des Lebens bei ungeschwächter Kraft; immer noch Schöpfer herrlicher Werke. Es vergeht kein Tag, ja keine Stunde, wo ich nicht an Sie denke, und mich der schönen Stunden erinnere, die ich so glücklich war, bei Ihnen zu verleben; es ist, mein Stolz, Sie meinen väterlichen Freund zu nennen.
Meine Bitte geht nun dahin: Ich bin nämlich fest entschlossen, wenn mir Gott Leben und Gesundheit läßt, künftigen Sommer wieder eine Kunstreise zu unternehmen, und zwar zunächst nach Wien, von da über Salzburg nach München, dann über Stuttgart, Mannheim, Frankfurt, Cassel wieder zurück in die Heimath. Nun frägt es sich, ob Sie wohl im Monat Juny in Cassel sein werden, denn zu Ende Juny glaube ich daselbst einzutrefsen, und ich würde natürlich nur dann meinen Weg über Cassel nehmen, im Fall ich Sie dort träfe.4 Dies eben wünschte ich sehr gern zu wissen, und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie die Güte hätten, mich recht bald in einer Zuschrift davon in Kenntniß zu setzen, und zugleich ein Urtheil über die letzte Ouvertüre beizufügen. Unsere Winterkonzerte gehen diese Woche zu Ende, wir haben deren einige 50 gehabt, und dürften wohl wenige Ihrer Werke übrig geblieben sein.5
Mit den herzlichsten und aufrichtigsten Wünschen für Ihr und der — theuern Ihrigen Wohl, verharre ich,

Ihr ergebenster Verehrer
Adolph Hesse

Erwähnte Personen: Nass, Franz
Erwähnte Kompositionen: Hesse, Adolph : Ouvertüren
Spohr, Louis : Doppelquartette, op. 87
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833031531

http://bit.ly/1s9sSJ0

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 31.10.1832. Spohr beantwortete diesen Brief am 23.03.1833.

[1] Dieser Briefs ist derzeit verschollen.

[2] Nicht ermittelt.

[3] Moritz Hauptmann zufolge war dies einer der wenigen Streichquartett-Abende in diesem Winter: „Das gewöhnliche Kränzchen war vorigen Winter nicht zusammengekommen, da hat es bei Spohr nur einige extraordinaire gegeben, unter andern bei Gelegenheit seines neuen Doppelquartetts welches recht schön ist” (Moritz Hauptmann an Franz Hauser, 19.06.1833, in: Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomsschule zu Leipzig an Franz Hauser, hrsg. v. Alfred Schöne, Bd. 1, Leipzig 1871, S. 106-110, hier S. 108).

[4] Die Reise kam nicht zustande, weil Spohr zur von Hesse geplanten Zeit nicht in Kassel war und weil Hesse seine Reisepläne änderte (vgl. die beiden Folgebriefe Spohr an Hesse, 23.03.1833 und Hesse an Spohr, 31.03.1833).

[5] Einen Überblick über die Breslauer Konzerte im Winter 1832/33 gibt: August Kahlert, „Breslau”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 35 (1833), Sp. 397-400.

Kommentar und Verschlagwortung, wenn nicht in den Anmerkungen anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (05.12.2014).