Autograf: Beethoven-Haus Bonn (D-BNba), Sign. HCB Br 362
Druck: Ferdinand Ries, Briefe und Dokumente, hrsg. v. Cecil Hill (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn 27), Bonn 1982, S. 575f.

Rom, 26 Feb. 1833
meine adresse via Laurina Nr 6

Mein werther Freund!

Sie werden sich wundern, einen Brief von mir zu erhalten, vielleicht noch mehr über die Veranlassung. Es handelt sich nehmlich, für Ihnen einen Schüler1 aus der Barberei aus Tripolis anzunehmen. Graf Rosen (ein Schwede) dessen Vetter schwedischer Consul in Tripoli ist, interessiert sich sehr für einen jungen Mann, der recht brav Violinspielen und Talent haben soll, und desse Familie ehemals in sehr guten Umständen gewesen ist: Graf R. sollte hier in Italien eine gute Gelegenheit, einen tüchtigen Künstler ausfinden. Da er mit mir darüber sprach, so konnte ich ihm nur sagen, daß ich hier nichts von der Musik erwartet habe, aber noch weniger fand: und dies nur Kosten ohne vielen Vortheil verursachen würde. Ich habe mir übernohmen, Ihnen deswegen zuschreiben und bitte, mir umgehend folgende Fragen zu beantworten.

1. Ob Sie diesen Schüler annehmen wollen? können?
2. Unter welchen Bedingnißen?
3. Ob dieser junge Mann sich vielleicht auch etwas verdienen könnte?
4. Wieviel er wohl zum ordentlichen Leben (häuslich) jährlich gebrauchen würde.

So weit mein Auftrag, dem ich Gedeihen wünsche.
Ich bin seit Oktober hier, und der Zweck meiner Reise, die Gesundheit meiner Frau, hat sich bedeutend gebessert, obschon der Winter ungewöhnlich schlecht und hart war. Im April gehe ich auf 6 Wochen nach Neapel und alsdann über Venedig & & langsam nach Deutschland zurück, wo ich Juli, August wieder einzutreffen gedenke. Vieles Schöne und Außerordentliche habe ich natürlich hier gefunden; aber die Musik finde ich unter aller Kritick, es ist ächerlich, von gutem Gschmack oder fast Musik hier sprechen zu wollen. Sogar die so weltberühmte Päpstliche Kapelle kann mir gar kein Genügen leisten. Ich habe sie mehreremal ganz auseinander gehört, von Schönheit, Prezision und etwas Ausgezeichnetem kann hier nicht als Künstler die Rede seyn. Sie schreien hinein, was das Zeughält, und dies macht in der kleinen Sistinischen Kapelle einen unangenehmen Effekt: auch fehlt es bedeutend an Sopranen und Tenoren. Alles hat mich nun auf die Charwoche vertröstet gern will ich es glauben: aber ich fürchte!! In den anderen Kirchen singen sie nichts von Rossini und Consorten, und da sind nur noch die sogenannten Effektstücke mit dem bekannten Rumpelbaß, an der Tagesordnung: da sie keine Proben haben, so kömmt es auch gar nicht darauf, wenn Chor und Orchester ein paar Takte auseinander sind. Der bekannte Katholische Seegen „Tantum Ergo” ist neulich in der Jesuiten Kirche einer Rossinischen Arie, mit Chor aus Semiramide unterlegt, aufgeführt worden. Die Organisten sind aber so. Eine neue Oper zum Carneval il Furioso di S. Domingo von Donizetti hat mich auch nicht befriedigt, wie auch nicht i Capuletti e Montagetti (Romeo und Julie) von Bellini – es sind wohl einzelne gute Ideen darin. Allein, Held, Prima Donna, Komiker, Vater, verliebtes Mädchen von 16 Jahren, alte Duell Mörder, Schäfer & & singen alle so süßliche cantabile in jeder Leidenschaft und Situation, daß unsre deütschen Nerven es nicht aushalten können: und ich mich sehnlichst nach unsrem deutschen auch etwas verorbenen Geschmack zurück sehne.
Ich habe von Ihrer herrlichen neuen Sinfonie2 gehört und hoffe sie nächsten Winter kennen zu lernen. An Ihre liebe Frau alles Herzliche und Gute von uns, leben Sie wohl lieber Freund, immer

der Ihrige
Ferd. Ries

Erwähnte Personen: Rosen, Axel Pontus von
Erwähnte Kompositionen: Bellini, Vincenzo : I Capuleti e i Montecchi
Donizetti, Gaetano : Il furioso all‘isola di San Domingo
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: Neapel
Rom
Tripolis
Venedig
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833022643

http://bit.ly/2XXniJ1

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Ries an Spohr, 02.04.1831. Spohrs Antwortbrief vom 17.03.1833 ist derzeit verschollen.

[1] Noch nicht ermittelt. Vermutlich kam dieser Violinist nie zu Spohr.

[2] Die Weihe der Töne.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.07.2019).