Autograf: Staatsbibliothek Berlin Preußischer Kulturbesitz – Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 1,59

Wien, den 1. Jenner 1833

Herrn Louis Spohr in Cassel.

Hochverehrtester geehrter Freund!

Mit vielem Vergnügen habe ich aus Ihrem Verehrten v. 20. v. M. die Absendung der Correkturen des 3ten Theils Ihrer Schule vernommen und werde ich selbe sogleich bei Empfang ganz genau vornehmen.
Das Nahmensverzeichnis der Subscribenten bleibt Ihrer Meynung gemäß, ganz weg, was um so leichter geschehen kann, da es in dem Prospectus nicht zugesagt war. Das Honorar für Ihre grosse Sinfonie: „Die Weihe der Töne” anlangend, freut es mich sehr, daß Sie es im Einklang mit meinen. eigenen Calcul bestimmt haben, ich daher damit völlig einverstanden seyn kann. Dieses Honorar pr. R 300- pr. cour. werde ich Ihnen in Kürze voraus, oder doch längstens mit dem 2ten diese für die Schule unter eines(?) berichtigen, da die Tretezeit für uns Verleger nach den ersten Monate des Jahres einzutreffen pflegt.
Mit dem Wunsch des Hrn Binder muß es sich hinsichtlich meiner anders verhalten. Ich habe diesen Künstler seit mehreren Monaten gar nicht gesehen, oder irgend etwas mit ihm zu thun gehabt, woraus er sich auf ich in dieser Sache hätte berufen können. – Es würde weder Ihren noch meinen Interessen entsprechen, wenn diese Sinfonie jetzt schon hier in Wien bekannt würde. Sie können die Sache nun um so leichter wieder ablehnen, wenn Sie ihm sagen, daß Sie meinen Brief nachträglich erhalten haben, in welchem ich mich ausgesprochen habe, dieses Werk zum Verlag zu erhalten, und daß Sie es mir auch zum Verlag überlassen haben, ich aber, betreffs einer Aufführung selbt als Verleger (vor Erscheinung des Werkes) nicht beistimmen kann.
Eine Production in den beabsichtigten 4 Concerten der Künstler, wäre noch, nach meinen Ansichten aus besonderen Gründen nicht rathsam. Diese Künstler geben ihre Concerte an Nachmittagen in den Nachmittagstunden. Es erübrigt ihnen nicht die nöthige Zeit um mehrere Proben von einem Werke zu halten. Wie sehr müßte nun eine ungelegene Production gerade dieses Werkes, daß so viel Genauigkeit der Ausführung erfordert, Schaden bringen? Auch scheint mir die Besetzung nicht hinreichend für den grossen Redoutensaal, nachdem wie ich höre nur 8 Violinen pr.(?) Werk spielen sollen, welche unmöglich den Raum ausfüllen können, u. wodurch der Totaleffet leiden müßte. – Bey Hrn Lachners Sinfonie, welche vor einigen Wochen im kleinen Redoutensaal gegeben wurde, war die Production (trotz dem, daß dem Vernehmen nach, nur eine Probe statt hatte) meisterhaft; allein hier war der Raum klein, und eine kleinere Besetzung passend gewesen.1
Ich habe wie Sie, die Absicht, daß bey der Production dieses Ihres Werkes mit der größten Umsicht und Sorgfalt vorgegangen werden müsse, besonders was die mehrmals nöthigen Proben betrifft, und darüber werde ich seiner Zeit schon wachen. Wie sehr ich mich auf den Empfang dieses genialen Productes freue, kann ich Ihnen nicht sagen.
Zum Jahreswechsel erlaube ich mir meine wärmsten Glückwünsche darzubringen, mit der Bitte, mir Ihre so überaus werthe freundschaftliche Gesinnung immerfort angedeihen zu lassen, u. somit zeichnet

In vollster Verehrung und Hochachtung ganz der Ihrige
Tobias Haslinger

Erwähnte Personen: Binder, Sebastian
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Violinschule
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: Wien
Erwähnte Institutionen: Künstlerverein <Wien>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833010152

http://bit.ly/2o5pWOu

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Haslinger, 20.12.1832. Der Postweg dieses Briefs überschnitt sich mit dem von Spohr an Haslinger, 31.12.1832. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Haslinger an Spohr, 22.03.1833.

[1] Zum Konzert am 06.12.1832 vgl. Heinrich Adami, „Erstes Concert des Künstler-Vereins“, in: Allgemeine Theaterzeitung 26 (1833), S. 38.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.04.2017).