Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,239
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 125ff. (teilweise)

ffurt 1 December 1832

Theurer Freund!

Sie empfangen beikommend Ihre Sinfonie. Die Rücksendung wurde etwas verspätet, weil ich den Wünschen vieler Musikfreunde nachgab, welche eine nochmalige Aufführung verlangten; ich glaubte es in Ihrem Sinne bewilligen zu müssen, da sie in dem Concerte der Wittwe Schmidt statt fand, wodurch eine wohlthätige Handlung verbunden ward. –
Zuvörderst soll ich Ihnen nun den Dank der Museums-Direction, woran sich der meinige reiht, für die freundliche Bereitwilligkeit darbringen. Mit großer Freude kann ich Ihnen ferner melden, daß die Aufführung im Museum vollkommen gelungen und des schönen Werkes würdig war. Das Gedicht, welches beiligend folgt, wurde allen Anwensenden mitgetheilt, und außerdem von Becker, vor der Aufführung nebst einer Einleitung, welche ebenfalls hierbei auf gutem Papier folgt, sehr schön gesprochen. Guhr hat sich, ich muß es zu seinem Lobe sagen, sehr viele Mühe gegeben; er hat 3 große Proben gehalten, welchen ich mit Ausnahme einer beiwohnte, wobei er die größte Sorgfalt bei der Einübung bewieß; wahrscheinlich hat Ihr letzter mit der Instruction, der eigentlich ostensibel für ihn bestimmt war, u. namentlich der Schluß, der ihm schmeicheln mußte, dazu beigetragen. Das Orchester war ungewöhnlich stark besetzt und executirte sehr gut. Bei der Wiederholung wurde die Sinfonie im Theater ebenfalls mit verstärktem Orchester gegeben und das Gedicht von einem Schauspieler recitirt. Mir hat der zweite Satz am besten gefallen. Die 3 Themas treten so klar hervor, und verbinden sich so natürlich und doch künstlich interessant, daß für Layen und Kenner ein gleich eigenthümlicher Genuß entsteht. – Von herrlicher Wirkung ist die Grabmusik mit dem Paukenwirbel. Der Choral „Nun laßt uns den Leib begraben” erweckt durch den schönen Vortrag im Violoncell einen rührenden Nervenschauer. Die Eintritte der Trompeten bei dem Te deum machen sich sehr schön; das Motiv des Contrapunktes scheint mir etwas verbraucht. Die Kriegsmusik wirkt erhebend und müßte überall gefallen; der Eintritt in h moll nach dem Trompetensolo ist herrlich; allein das Trio hat mir nicht gefallen, was ich Ihnen aufrichtig bemerken muß. Das Ganze ist so weit ausgesponnen, und die beiden Hauptmotive von nicht genugsamen Intersse, die Rhythmen u. Schlußfolgen sind zu gewöhnlich um nicht nach dem vorhergegangenen feurigen und belebten Satze eine indifferente Stimmung hervorzubringen. Der letzte Satz ist zwar sehr schön, aber der Schluß ist etwas kalt u. farblos. Eine große Conception wäre hier vonnöten, allenfalls ein Satz, wor der Sieg des Lebens über den Tod in Tönen gegeben wird. Auch scheint mir der Moment im ersten Satze, wo der Sturm der Elemente veranschaulicht wird, etwas zu unbedeutend und matt; im Uebrigen hat mir der erste Satz sehr wohl gefallen. Das ganze Werk wird gewiß dazu beitragen, Ihrem Ruhm zu vermehren. – Meyerbeer, welcher sich Ihnen auf das freundschaftlichste empfiehlt, wird in der Revue musicale einen Aufsatz über diese Sinfonie einschicken, u. wünscht von Ihnen zu wissen, welche von Ihren früheren Sinfonien Sie am liebsten im Conservatoire bringen möchten, indem er dafür bedacht sein wird. Wenn ich mich nicht irre, so werden Sie die 3te wählen. – Ich hoffe, Sie haben Ihr schönes Familienfest in Gandersheim froh u. selig begangen. Wie gerne wäre ich bei Ihnen gewesen, und diese Freude mit Ihnen getheilt! Doch in der Entbehrung liegt ja auch ein Genuß.
Nochmals meinen herzinnigsten Dank für die Freude, welche Sie mir durch die Sinfonie gemacht. An die Ihrigen die besten Grüße

Ewig Ihr WmSpy.

Heute wird in Mannheim eine neue Oper von Aloys Schmitt : Valeria unter der Leitung des Componisten gegeben.

Erwähnte Personen: Guhr, Carl
Meyerbeer, Giacomo
Erwähnte Kompositionen: Schmitt, Aloys : Valeria
Spohr, Louis : Sinfonien, op. 78
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Gandersheim
Mannheim
Paris
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1832120132

http://bit.ly/1TY84NY

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Speyer, 05.11.1832. Der Postweg überschnitt sich offensichtlich mit Spohrs nächstem Schreiben vom 14.12.1832.


Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.03.2016).

Frankfurt, 1. Dezember 1832.

Sie empfangen beikommend Ihre Sinfonie. Die Rücksendung wurde etwas verspätet, weil ich den Wünschen vieler Musikfreunde nachgab, welche eine nochmalige Aufführung verlangten. Ich glaubte es in Ihrem Sinne bewilligen zu müssen. Zuvörderst soll ich Ihnen nun den Dank der Museumsdirection, woran sich der meinige reiht, für die freundliche Bereitwilligkeit darbringen. Mit großer Freude kann ich Ihnen ferner melden, daß die Aufführung im Museum vollkommen gelungen und des schönen Werkes würdig war. Das Gedicht, welches beiligend folgt, wurde allen Anwensenden mitgetheilt, und außerdem vom Schauspieler Becker, vor der Aufführung sehr schön vorgetragenen. Guhr hat sich, ich muß es zu seinem Lobe sagen, sehr viele Mühe gegeben und hat drei große Proben gehalten, welchen ich beiwohnte, wobei er die größte Sorgfalt bewies. Wahrscheinlich hat Ihr letzter Brief an mich, der augenscheinlich für ihn bestimmt war, und namentlich der Schluß, der ihm schmeicheln mußte, dazu beigetragen. Das Orchester war ungewöhnlich stark besetzt und spielte sehr gut ... Mir hat der zweite Satz am besten gefallen. Die drei Themas treten so klar hervor und verbinden sich so natürlich und doch künstlich interessant, daß für Laien und Kenner ein gleich eigenttümlicher Genuß entsteht. Von herrlicher Wirkung ist die Grabmusik mit dem Paukenwirbel. Der Choral ,Nun laßt uns den Leib begraben’ erweckt durch den schönen Vortrag im Violoncell einen rührenden Nervenschauer. Die Eintritte der Trompeten bei dem Tedeum machen sich sehr schön. Das Motiv des Kontrapunktes scheint mir etwas verbraucht. Die Kriegsmusik wirkt erhebend und müßte überall gefallen. Der Eintritt in H-Moll nach dem Trompetensolo ist herrlich, allein das Trio hat mir nicht gefallen, was ich Ihnen aufrichtig gestehen muß; das Ganze ist zu weit ausgesponnen, die beiden Hauptmotive von nicht genügendem Intersse, auch sind die Rhythmen und Schlußfolgen zu gewöhnlich, um nicht nach dem vorhergegangenen feurigen und belebten Satze eine indifferente Stimmung zurückzulassen. Der letzte Satz ist zwar sehr schön, aber der Schluß etwas kalt und farblos. Eine große Konzeption wäre hier vonnöten gewesen, allenfalls ein Satz, der den Sieg des Lebens über den Tod beschreibt. Auch scheint mir der Moment im ersten Satze, wo der Sturm der Elemente veranschaulicht wird, etwas zu unbedeutend und matt zu sein. Imübrigen hat mir der erste Satz indessen sehr gefallen. Das ganze Werk wird gewiß dazu beitragen, Ihrem Ruhm zu vermehren.
Meyerbeer, welcher sich Ihnen auf das freundlichste empfiehlt, wird in der ,Revue musicale’ einen Aufsatz über diese Sinfonie einschicken und wünscht von Ihnen zu wissen, welche von Ihren früheren Sinfonien Sie am liebsten im Conservatoire, in Paris, aufgeführt haben möchten, indem er sich dafür verwenden würde. Wenn ich mich nicht irre, so werden Sie die Dritte [C-Moll, op. 78] wählen.
Ich hoffe, Sie haben Ihr schönes Familienfest in Gandersheim froh und selig begangen. Wie gerne wäre ich bei Ihnen gewesen und hätte diese Freuden mit Ihnen geteilt! Doch in der Entbehrung liegt ja auch ein Genuß. – Nochmals meinen herzinnigsten Dank für die Freude, welche Sie mir durch die Sinfonie gemacht haben! ...