Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18321031>

Sr. Wohlgeb.
Dem Herrn A. Hesse
erster Organist zu St. Bernhardi
in
Breslau


Cassel den 31sten
October 1832.

Lieber Herr Hesse,

Längst hätte ich Ihnen geschrieben, gäbe es nur jetzt in Cassel etwas für den Künstler Interessantes zu berichten! Leider leben wir jezt aber hier, wie in einem Sibirien der Kunst. Giebt es ja einmal etwas Neues, so ist es etwas schlechtes! So wollten wir ohnlängst in der großen Kirche die Bach’sche Passion mit einem stark besetzten Personal aufführen und ich hatte bereits im Bausaal 3 große Orchesterproben daran gemacht, als der Prinz die Mitwirkung des Orchesters dabey untersagte1 und zugleich befahl daß Abonnementsconcerte im Theater für Rechnung der Hofkasse stattfinden sollten, wodurch er uns unsre Einnahmen für die Witwenkasse entzieht. Dies hat in der Stadt so allgemeine Indignation erregt, daß niemand, selbst nicht die eifrigsten Musikfreunde, diese Concerte besuchen will. So haben wir das erste Concert am vorigen Sonntage vor einem Auditorio von höchstens 30 Personen (Hofschranzen!) heruntergespielt und die folgenden werden auch nicht mehr besucht seyn. - Die beyden Gesangvereine gaben nun in der Brüderkirche die Passion ohne Orchesterbegleitung zum Besten der Witwenkasse und der armen Cholerakranken und wir hatten eine sehr reiche Einnahme; allein die Wirkung war, ohne Orchester, nur eine halbe!-
Ihre Ouverturen habe ich sogleich, wie ich sie erhielt, probirt und werde sie auch beyde in den Abonnementsconcerten geben. Sie sind gechickt gemacht und von guter Wirkung. Das einzige, was ich dabey noch wünschte, wäre eine größere Sorgfalt in der Wahl der Themen. So hat das Thema von der in Es eine zu auffallende Ähnlichkeit mit einer Ouverture von Weigl (die ersten 9 Noten sind genau dieselben) und der Mittelsatz der andern mit einem Chor aus Tancred. Diese letztere Reminiszenz macht denn auch, daß dieser Satz zur ersten Ouverture viel zu tändelnd erscheint.
Herzlich habe ich mich gefreut, daß Ihr Tobias so gut aufgenommen und so günstig beurtheilt worden ist.2 Nun ist ja auch die 2te Hälfte wohl bald vollendet?3
Meine Sinfonie habe ich mehrere male probirt und werde sie nächsten Sonntag im 2ten Concerte (vor leeren Bänken) aufführen. Sie ist sehr schwer und muß mit der größten Sorgfalt eingeübt werden wenn sie die gehörige Wirkung machen soll. Besonders critisch ist der 2te Satz wo Wiegenlied, Tanz und Ständchen jedes mit anderem Takt und Tempo zusammenkommen. Auch die verschiedenartigen Vogelstimmen im ersten Allegro sind schwer zu executiren und Clarinette und Terzflöte müssen durchaus im Voraus eingeübt werden. Wenn die Sinfonie nach Breslau kommt, so machen Sie doch bitte den Dirigenten darauf aufmerksam, daß er wenigstens 3 Proben daran halten muß. - Herzliche Grüße an alle dortigen Bekannten. Mit wahrer Freundschaft stets ganz

Der Ihrige
L. Spohr

NB. Die Cholera ist hier sehr milde aufgetreten. Wir haben zu Anfang dieser Woche schon 3 Tage hintereinander keine neuen Erkrankungen gehabt und leben daher der Hoffnung, sie bald wieder los zu seyn.4

Erwähnte Personen: Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Erwähnte Kompositionen: Bach, Johann Sebastian : Matthäus-Passion
Hesse, Adolph : Ouvertüren
Hesse, Adolph : Tobias
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Hofkapelle <Kassel>
Singakademie <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1832103101

http://bit.ly/1CuVQlF

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen verschollenen Brief von Hesse an Spohr. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 15.03.1833.

[1] Vgl. Herfried Homburg, „Louis Spohrs erste Aufführung der Matthäus-Passion in Kassel. Ein Beitrag zur Geschichte der Bachbewegung im 19. Jahrhundert”, in: Musik und Kirche 28 (1958), S. 49-60; ders., Louis Spohr und die Bach-Renaissance”, in: Bach-Jahrbuch (1960), S. 65-82; Martin Geck, Die Wiederentdeckung der Matthäuspassion im 19. Jahrhundert. Die zeitgenössischen Dokumente und ihre ideengeschichtliche Deutung (= Studien zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts 9), Regensburg 1967, S. 109-116.

[2] Vgl. „Breslau”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 34 (1832), Sp. 765f., hier Sp. 766.

[3] Möglicherweise entstand der erste Teil dieses Oratoriums unter Spohrs Anleitung in Kassel: „Herr Adolf Hesse [...] hatte nämlich auf Kosten der Preußischen Regierung eine größere Kunstreise unternommen und verweilte längere Zeit bey unserm Kapellmeister, Hrn. L. Spohr, um hier ein Oratorium: ,Tobias’ (Text von A. Kahlert) zu componiren [...]” („Cassel”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 34 (1832), Sp.499f., hier Sp. 500.

[4] Zur Cholera 1832 in Kassel vgl. Spohr an Hesse, 28.10.1831.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders vermerkt: Karl Traugott Goldbach (19.12.2014).