Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,146
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 123f. (teilweise)

Sr. Wohlgeb
Herrn Wilhelm Speyer
in
Frankfurt a/m


Cassel den 26sten October
32.

Geliebter Freund,

Die guten Nachrichten, die uns Ihr lieber Br. bringt, haben uns herzlich gefreut. Eines nur betrübt mich: daß Sie, wie so viele andere, schon alle Hoffnung auf die politische Wiedergeburt Deutschlands aufgegeben haben. Freilich verdient die Mehrzahl seiner Bewohner die Freiheit nicht; sie würden aber durch eine freie Verfassung nach und nach gebessert und aus dem Schlamm knechtischer Gesinnungen herausgezogen werden. Doch basta mit diesem Kapitel, bis es wieder Erfreulicheres darin zu besprechen gibt!
Daß Sie meine Sinfonie, gut besetzt, in einem vortheilhaften Lokale und sorgfältige eingeübt in Frankfurt zu Gehör bekommen könnten, ist für mich ein zu angenehmer Gedanke, als daß ich nicht mit Vergnügen dem Museo Partitur und Stimmen derselben zu einer Aufführung leihen sollte. Nur wünsche ich, daß Sie das Werk in Verwahrung nehmen und dafür gütigst sorgen, daß es vollständig besetzt (4 Hörner, 3 Posaunen, türkische Musik und eine Militärtrommel,) und sorgfältig eingeübt werde. Das Gedicht müßte dann vor der Aufführung, vielleicht mit einigen erläuternden Worten über ,die neue Gattung von Instrumentalmusik’ begleitet, von einem der Museums-Vorsteher vorgetragen werden.
Auf Befehl des Prinzen werden nächsten Sonntag eine Reihe von Abonnements-Concerten (leider nicht für unsere Wittwenkasse, sondern für die Hofkasse!) beginnen. Um meine Sinfonie in einem besseren als dem Probe-Lokale zu hören, werde ich sie im 2ten Concert, Sonntag über 8 Tage, aufführen und Ihnen dann gleich, tags darauf zusenden. Wenn Sie sie dann gehört und durch die Partitur genau kennen gelernt haben, so wünschte ich sehr daß Sie in einem gelesenen Blatte (am liebsten jedoch in der Leipz. M. Zeitung) etwas darüber schreiben mögten. Einem so routinierten Schriftsteller, wie Sie jetzt durch Ihre Schäferstunden werden, wird dieß ja eine Kleinigkeit seyn!
Vor einigen Tagen haben wir unseres Collegen, des Musikdirectors Balde[weins sil]bernen Hochzeit recht feierlich gef[eiert.] Ich hatte eine kl. Cantate dazu komponirt für Chöre, Solis, die ich seinen Kindern heimlich einstudirt hatte und obligater Violine, die ich selbst spielte, nebst Orchesterbegleitung. Empfangen wurde er durch eine seiner Ouvertüren, die er noch nie gehört hatte. Er war sehr gerührt und dann sehr froh; wir alle mit ihm.
Herzliche Grüße an Ihre liebe Frau und die Kinder. Mit inniger Freundschaft stets

ganz der Ihrige
Louis Spohr.

NS. Ohne den versprochenen Schlüssel zu Ihrem Nachtstück vermögten wir nicht es zu entschlüsseln, obgleich meine Frauenzimmer sich den Kopf fast zerbrochen haben. Wir bitten allso gelegentlich darum. Mit Meyer-Beer (dem nun Weltberühmten und in den Hauptstädten von Europa hochgefeierten) sind Sie etwas arg verfahren!

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Speyer, Wilhelm
Erwähnte Personen: Baldewein, Johann Christoph
Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Guhr, Carl
Meyerbeer, Giacomo
Erwähnte Kompositionen: Baldewein, Johann Christoph : Ouvertüren
Spohr, Louis : Kantate zur silbernen Hochzeit von Baldewein
Spohr, Louis : Die Weihe der Töne
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1832102602

http://bit.ly/1L75J1X

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Speyer an Spohr. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 05.11.1832.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.03.2016).

Cassel, 28. Oktober 1832.

Die guten Nachrichten, die uns Ihr lieber Brief bringt, haben uns herzlich gefreut. Eines nur betrübt mich: daß Sie, wie so vile andere, schon alle Hoffnung auf die politische Wiedergeburt Deutschlands aufgegeben haben. Freilich verdient die Mehrzahl seiner Bewohner die Freiheit nicht, sie würden aber durch eine freie Verfassung nach und nach gebessert und aus dem Schlamm knechtischer Gesinnung herausgezogen werden. Doch basta! mit diesem Kapitel, bis es wieder Erfreulicheres darin zu besprechen gibt!
Daß Sie meine Sinfonie in Frankfurt zu Gehör bekommen könnten, ist für mich ein zu angenehmer Gedanke, als daß ich nicht mit Vergnügen dem Museum Partitur und Stimmen derselben zu einer Aufführung leihen sollte. Nur wünsche ich, daß Sie das Werk in Verwahrung nehmen und gütigst dafür sorgen möchten, daß es vollständig besetzt (vier Hörner, drei Posaunen, türkische Musik und eine Militärtrommel) und sorgfältig eingeübt werde. Das Gedicht müßte dann vor der Aufführung, vielleicht mit einigen erläuternden Worten über ,die neue Gattung von Instrumentalmusik’ begleitet, von einem der Konzertvorsteher vorgetragen werden ... Wenn Sie dann gehört und durch die Partitur genau kennengelernt haben, so wünschte ich sehr, daß Sie in einem gelesenen Blatte (am liebsten jedoch in der Leipziger Allgemeinen Musik-Zeitung) etwas darüber schreiben möchten. Einem so routinierten Schriftsteller, wie Sie jetzt durch Ihre Schäferstunden werden, wird dies ja eine Kleinigkeit sein! ...