Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr, L. 18
Druck 1: Druck: Horst Heussner, Die Symphonien Ludwig Spohrs, Phil. Diss. Marburg 1956, Anhang, S. 32 (teilweise)
Druck 2: Herfried Homburg, „Politische Äußerungen Louis Spohrs. Ein Beitrag zur Opposition Kasseler Künstler während der kurhessischen Verfassungskämpfe“, in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 75/76 (1964/65), S. 545-568, hier S. 557 (teilweise)

Cassel den 23sten
Juli 1832.

Hochverehrtester Herr und Freund,

Ihr geehrtes Schreiben vom 22sten Juni habe ich nach einer Abwesenheit von beynahe 6 Wochen, die ich mit meiner Familie im Bade Nenndorf zubrachte, gestern Abend bey meiner Zurückkunft vorgefunden und beeile mich nun, es zu beantworten, obgleich ich fast fürchten muß, daß die Beantwortung Ihrer Anfrage nun wohl zu spät komme.
Der mir gütigst mitgetheilte Contract entspricht, meiner Ansicht nach, ganz dem beabsichtigten Zweck und enthält fast ganz dieselben Bestimmungen, die dem hiesigen Chordirector als Dienstinstruktion gegeben worden sind. Ich wüßte auch nicht, wie dem Chordirector sein Wirkungskreis auf andere Weise vorgezeichnet werden könnte, wenn nicht das Ganze darunter leiden sollte!
Die letzten Ereignisse in Kurhessen, die leider die Auflösung des Hoftheaters zur Folge gehabt haben1, haben auf meine persönliche Stellung, so wie auf die, aller anderen Rescribirten, keinen nachtheiligen Einfluß gehabt noch haben können; im Gegentheil hat der Prinz mir für die Folge einen weitern Wirkungskreis eröffnet, indem er mich zum Mitgliede der Hoftheaterdirection ernannt hat, die jezt aus Herrn Feige, dem Hofrath Vogel und mir besteht! Mögten wir nur recht bald mit der Reorganisation des Theaters beauftragt werden! Leider ist aber dazu für jezt noch gar keine Aussicht! Wir haben zwar einen Plan nebst Etat dem Ministerium des Innern übergeben; da dieser aber auf neue Bewilligungen der Stände basirt ist, so habe ich für meine Person wenig Hoffnung, daß er sich realisiren werde. Am meisten hoffe ich noch auf die langweiligen Winterabende, die dem Prinzen und seine Umgebung das Theater recht schmerzlich werden vermissen lassen. Diese werden ihn vieleicht am ersten vermögen, Rath zu schaffen. Wären nur nicht so viele Menschen brodlos geworden, so könnten wir in Ruhe abwarten; so verlangt aber die Menschlichkeit, es so viel als möglich zu betreiben.
Mit herzlicher Freundschaft und inniger Hochachtung stets ganz der Ihrige

Louis Spohr

Erwähnte Personen: Feige, Karl
Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Vogel, Wilhelm
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
Nenndorf
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1832072315

http://bit.ly/2pzmbCU

Spohr



[1] Nach den Bäckerkrawallen in Kassel im Gefolge der Juli-Revolution in Frankreich hatte Kurhessen nicht nur eine Verfassung erhalten, sondern der Kurfürst Wilhelm II. hatte auch die Regierungsgeschäfte an seinen Sohn, den späteren Kurfürsten Friedrich Wilhelm I., abgegeben. Dieser schloss dann wegen fehlender Finanzen im April 1832 zunächst das Theater (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 148-157, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 180-193; Reinhard Lebe, Ein deutsches Hoftheater in Romantik und Biedermeier. Die Kasseler Bühne zur Zeit Feiges und Spohrs (= Kasseler Quellen und Studien 2), Kassel 1964, S. 151-156).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.05.2017).