Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
 

Wien, am 17 ten Dec. 1831.

Hochverehrtester Herr und Freund!

Sehr erfreut war ich, nach langer Zeit wieder Ihre Schrift sehen und daraus entnehmen zu können, daß die Besorgnisse welche die Zeitungs Nachrichten über Sie erweckten, zum größten Theile ungegründet sind.1 Wenn auch ein Künstler der auf einer so hohen Stufe wie Sie steht, nicht an einen Ort gebunden ist, sondern in der ganzen gebildeten Welt seine Heimath wählen kann, so wäre ein Wechsel des so lange bewohnten Ortes schon darum dennoch nicht angenehm, weil er mit der ganzen Familie geschehen müsste. Wir wollen hoffen, daß alles beim Alten bleibe.
Ihre Anfrage wegen einem Pianoforte von der neuesten Erfindung meines Sohnes,2 setzt uns in einige Verlegenheit, weil wir Ihren Wunsch, Ihnen schon jetzund eines zu senden nicht erfüllen können, indem erst ein Einziges, als Probestück fertig geworden, welches zwar allen Erwartungen vollkommen entspricht, aber dennoch für dermalen noch nicht aus den Händen gelassen werden darf, theils weil Bestellungen auf andere Gattungen die Verfertigung dieser Neuen verhindern, und auch noch nicht alle Beobachtungen darüber angestellt werden konnten.
Da wir die Zeit vorläufig nicht bestimmen können, bis zu welcher mehrere Piano dieser neuen Art vollendet werden dürften, so rathen wir Ihnen jedenfalls zu einem PatentPF. mit Hammerschlag von oben herab, das gewiß die strengsten Forderungen die Ihr scharfes, geübtes Gehör daran machen möchte, befriedigen wird. Ein solches (weil immer ein Vorrath davon gehalten werden muß) könnte alsdann auch 14 Tage, nach gewisser Bestellung, an die einzusendende Adresse abgeliefert werden. Die Preisliste derselben liegt hier bei.3
Da Sie als Freund und als Künstler des höchsten Ranges jede, nur immer mögliche Rücksicht verdienen, so würden wir sehr gerne bei Ihnen eine bisher Nie geschehene Ausnahme machen, und Ihnen zwei verschiedene Instrumente zur Auswahl übersenden. Allein aus oben angezeigter Ursache ist uns dieses dermalen nicht möglich, und wäre auch dieses der Fall, so würde das Instrument was nicht gewählt worden wäre, in seinem Werthe herabgewürdigt scheinen, und eine Verminderung des Preises herbeiführen, dessen Ersatz wir Ihnen eben so wenig aufbürden, als ihn selbst tragen könnten.
Noch muß rüksichtlich der PatentPF. mit Hammerschlag von oben herab, bemerkt werden, daß nur solche von 6 ½ octaven, nemlich von contra C bis f'''' vorräthig sind, indem, da jedermann nach weiterem Umfang strebt und das gewöhnliche zurükstößt, nach den PF. von 6 octaven, schon seit einigen Jahren gar keine Nachfrage mehr ist, folglich auch keine solche mehr in Arbeit genommen werden. Sollten wir mit einer Antwort von Ihnen beehrt werden, so wird es nicht unbescheiden erscheinen, wenn wir Sie auch um eine nähere Nachricht über Ihre wertheste Familie ersuchen, denn bis uns Herr Hauser diese ertheilt, könnte es noch lange dauern. Mit der Bitte uns alle Ihren lieben zu empfehlen und bei Ihnen uns selbst empfohlen seyn zu lassen, beharre mit ausgezeichnetster Hochachtung

Ihr ergebenster
Andreas Streicher
Für Nan. Streicher geb. Stein und Sohn4


Das Verzeichniß der Preise gilt für das Publikum. Für Sie, tritt bei jeder zu wählenden Gattung eine Verminderung von 10 proCent, ein.

Der Obige.


Um Ihnen den Rabbat mit 10 % in Cf 45 im 20 f Fuß bestehend zu übermachen, wissen wir kein leichteres Mittel als solche durch eine Anweisung, von einem fremden Nahmen ausgestellt, nach Francf a/m zu übermachen. Oder könnte dieses auch in Cassel möglich seyn? Unser Nahme wird auf keinen Fall in der Anweisung genannt! Um einige Worte hierüber, bitte ich recht sehr.

Erwähnte Personen: Hauser, Franz
Streicher, Johann Baptist
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1831121747

http://bit.ly/3dFJ0t8

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Streicher, 03.12.1831. Spohr beantwortete diesen Brief am 29.12.1831.

[1] Streicher erfuhr über die Probleme des von Schließung bedrohten Kasseler Theaters möglicherweise aus: „Theatralisches“, in: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (1831), nicht paginierte Beilage nach S. 1196.

[2] Johann Baptist Streicher hatte 1831 einen „verbessert engl. Mechanismus“ („Ueber Streicher’s Leistungen bei Gelegenheit der ersten Gewerbeproducten-Ausstellung zu Wien im J. 1835“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 38 (1836), Sp. 129–133, hier Sp. 130), nämlich eine hinterständige Stoßzungenmechanik, zum Patent angemeldet (Druck der Patentschrift in: Uta Goebl-Streicher, Das Reisetagebuch des Klavierbauers Johann Baptist Streicher 1821–1822, Tutzing 2009, S. 292f.; vgl. dies., „Färbung, Schmelz, Schattierung“ oder starker Ton: Der Antagonismus zwischen Wiener und englischer Mechanik am Beispiel der Klavierbauerfamilie Streicher, in: Chopin et son temps, hrsg. v. Vanja Hug und Thomas Steiner (= Publikationen der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft II,54), Bern u.a. 2016 , S. 171–200, hier S. 193); Christoph Öhm-Kühnle, Er weiß jeden Ton singen zu lassen“. Der Musik und Klavierbauer Johann Andreas Streicher (1761-1833) – kompositorisches Schaffen und kulturelles Wirken im biografischen Kontext. Quellen – Funktion – Analyse, Phil. Diss. Tübingen 2008, S. 20; Alexander Langer und Peter Donhauser, Streicher. Drei Generationen Klavierbau in Wien, Köln 2014, S. 291ff.).

[3] Im Gegensatz zu den beiden unten wiedergegebenen Zusatzzetteln befindet sich das Preisverzeichnis heute nicht mehr bei diesem Brief.

[4] Die beiden folgenden Texte befinden sich auf zwei beschnittenen, separaten Zetteln zu diesem Brief. Öhm-Kühnle ordnet diese Zettel nicht diesem Brief zu (S. 63, Anm. 299).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Uta Goebl-Streicher (09.05.2020).